FALTER Radio: Thurnher pessimistisch: Unsternstunden der Menschheit - #1603
Raimund Löw diskutiert mit Armin Thurnher, Lisz Hirn und Georg Hoffmann-Ostenhof über historische Wendepunkte und die Dauerkrise der Gegenwart.
FALTER Radio
51 min read2823 min audioIn dieser journalistischen Diskussionsrunde debattiert Moderator Raimund Löw mit Armin Thurnher, Lisz Hirn und Georg Hoffmann-Ostenhof über Thurnhers neues Buch „Unsternstunden der Menschheit“. Die Runde verhandelt historische und aktuelle Wendepunkte – von der Erfindung des iPhones über Donald Trump bis zu Angela Merkels Migrationspolitik – primär durch eine ausgeprägt ideologiekritische Linse.
Auffällig ist dabei, wie der Begriff des „Neoliberalismus“ als unhinterfragte, strukturierende Grundannahme für weite Teile der globalen Misere gesetzt wird, auch wenn über dessen totale Hegemonie im Detail von den Gästen gestritten wird. Ebenso wird der europäische Sozialstaat als selbstverständliches politisches Ideal und logische Kontrastfolie zu libertären Entwicklungen positioniert. Die Debatte verläuft stark thesengetrieben, sucht nach gedanklichen Erklärungen für den globalen Aufstieg des Rechtsextremismus und beklagt das Fehlen zukunftsgerichteter, progressiver Visionen.
### Zentrale Punkte
* **Streit um neoliberale Hegemonie**
Thurnher argumentiere, dass ein libertär verschärftes neoliberales Paradigma die weltweite Hegemonie erlangt habe. Hoffmann-Ostenhof zweifle dies angesichts wachsender Staatseingriffe an.
* **Das Phänomen Donald Trump**
Die Runde konstatiere, dass mit Trump politische Entscheidungen nicht mehr interessengeleitet, sondern irrational getroffen würden, was den globalen Diskurs über Konflikte und Krieg destabilisiere.
* **Migration als Kontrollverlust**
Merkels Grenzöffnung werde von Thurnher nicht als humanitärer Akt, sondern als Versagen des Rechtsstaats gedeutet, was der extremen Rechten europaweit massiven ideologischen Auftrieb gegeben habe.
* **Technologische Entmündigung**
Die Einführung des iPhones werde als fataler gesellschaftlicher Einschnitt bewertet. Hirn ergänze, dass durch KI und die digitale Sphäre fundamentale menschliche Fähigkeiten verloren gingen.
### Einordnung
Die Stärke der Episode liegt in der pointierten Reibung zwischen den Gästen: Während Thurnher eine fast lückenlose Verfallsgeschichte zeichnet, fordert Hoffmann-Ostenhof konsequent historische Nuancen ein. Dies bewahrt das Gespräch vor reiner Weltuntergangsrhetorik. Kritisch fällt auf, dass der Begriff „Neoliberalismus“ teils inflationär als Chiffre für sämtliche systemischen Übel fungiert, ohne wirtschaftspolitisch trennscharf definiert zu werden. Beim Thema Flucht argumentiert Thurnher stark aus einer ordnungspolitischen Perspektive und rahmt Merkels Politik drastisch als „symbolisches Versagen des Rechtsstaats“. Dies illustriert anschaulich, wie tief Narrative des staatlichen Kontrollverlusts mittlerweile bis in linksliberale Debattenräume hineinwirken.
**Hörempfehlung**: Empfehlenswert für Hörer:innen, die sich für ideengeschichtliche Einordnungen aktueller Krisen interessieren und dichte, intellektuell fordernde Diskussionen schätzen.
### Sprecher:innen
* **Raimund Löw** – Moderator und Journalist
* **Armin Thurnher** – Herausgeber der Wochenzeitung FALTER und Autor
* **Lisz Hirn** – Philosophin und Autorin
* **Georg Hoffmann-Ostenhof** – Langjähriger Außenpolitik-Journalist und Kommentator