In dieser Spezialfolge von „Machtwechsel“ geht es ausnahmsweise nicht um Koalitionspolitik, sondern um den Fußball – konkreter: um das, was passiert, wenn Politik und Sport sich vermischen. Anlass ist die bevorstehende Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander erzählen, wie FIFA-Präsident Gianni Infantino Donald Trump hofiere und eigens einen „FIFA-Friedenspreis“ für ihn geschaffen habe. Sie blicken zurück auf die Boykottdebatten und symbolischen Gesten früherer Turniere – von Argentinien 1978 über die EM 2012 bis zur WM in Katar. Die zentrale Frage, die dabei immer wieder aufscheine: Lasse sich guter Fußball als Stimmungsressource für Regierungen nutzen? Als selbstverständlich wird dabei vorausgesetzt, dass Spitzenpolitiker:innen sich diese Nähe zum Sport zunutze machen dürfen – eine kritische Distanz zu dieser Instrumentalisierung fehlt weitgehend.
Zentrale Punkte
- Infantinos Trump-Kuschelkurs Die FIFA habe für Trump einen eigenen Friedenspreis erfunden und eine strategische Partnerschaft mit dessen „Friedensrat“ geschlossen, so die Schilderung. Infantino rechtfertige seine Nähe zum US-Präsidenten mit dem Argument, dies sei nötig für eine erfolgreiche Weltmeisterschaft.
- One-Love-Binde als „woker Exzess“ Die Kontroverse um die Kapitänsbinde bei der WM 2022 in Katar wird als Überfrachtung des Sports mit politischen Botschaften dargestellt. Der DFB habe daraus gelernt und verzichte nun bewusst auf symbolische Gesten, damit sich die Mannschaft auf den Fußball konzentrieren könne.
- Fußball als Kanzler-Ressource Von Schröder über Merkel bis Scholz hätten Regierungschefs versucht, sich mit gutem Fußball zu schmücken – mit wechselhaftem Erfolg. Für Friedrich Merz sei das Endspiel in New York das einzige Spiel, zu dem er reisen würde, wobei offenbleibe, ob sportlicher Erfolg tatsächlich politische Stimmung heben könne.
Einordnung
Die Stärke dieser Folge liegt in ihrer unterhaltsamen Mischung aus Insidergeschichten und historischen Rückblenden. Robin Alexander kann aus eigener Anschauung von der chaotischen Friedensrat-Veranstaltung in Scharm El-Scheich berichten, bei der Friedrich Merz und andere Regierungschefs „wie nicht abgeholte Möbelstücke“ herumgestanden hätten. Die Verknüpfung von persönlicher Anekdote und politischer Analyse gelingt an solchen Stellen besonders gut.
Kritisch zu sehen ist die Art, wie über die „One Love“-Debatte gesprochen wird. Dass Spieler ein Zeichen gegen die Diskriminierung Homosexueller setzen wollten, wird rückblickend als „Exzess“ und Teil einer „Woke-Bewegung“ eingeordnet – eine stark wertende Rahmung, die politisches Engagement von Sportlern pauschal als übertrieben erscheinen lässt. Die menschenrechtliche Dimension wird dabei zugunsten des Narrativs einer angeblichen Überpolitisierung in den Hintergrund gedrängt. Auch die Vorstellung, Fußball lasse sich von der Politik als „Popularitätsressource“ abschöpfen, wird zwar beschrieben, aber nicht grundsätzlich hinterfragt – etwa mit Blick darauf, ob diese Vereinnahmung dem Sport überhaupt guttut. Die Perspektive derjenigen, die unter den politischen Bedingungen in Austragungsländern wie Katar oder Argentinien litten, kommt nicht vor.
Hörempfehlung: Für alle, die sich für die politische Geschichte des Fußballs interessieren, bietet diese Folge einen kurzweiligen, mit vielen Anekdoten gespickten Einstieg – eine tiefere Analyse menschenrechtlicher Fragen sollte man allerdings nicht erwarten.
Sprecher:innen
- Dagmar Rosenfeld – Co-Herausgeberin von The Pioneer, Moderatorin von Machtwechsel
- Robin Alexander – Stellvertretender Chefredakteur der WELT, Co-Moderator von Machtwechsel