Der ehemalige nd-Chefredakteur Tom Strohschneider bespricht in seinem Newsletter drei Neuerscheinungen, die sich dem Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte über das Konzept des Narzissmus nähern. Er würdigt Andreas Püttmanns Buch „Narzissmus und Rechtspopulismus“ als anregenden Perspektivenwechsel, der den Fokus von einer reinen Politik- hin zu einer Kultur- und Moralkrise verschiebt. Püttmann argumentiere, dass zunehmend „Missmut, Wut, Aggression und rücksichtslose Selbstbehauptung” um sich greifen – eine Entwicklung, die weniger in politischem Versagen als in einer veränderten gesellschaftlichen Psyche wurzelt.
Strohschneider lobt diese Irritation ökonomischer Kurzschlüsse, sieht jedoch die Gefahr einer problematischen Psychopathologisierung. Deutlich wird das für ihn daran, dass bei Püttmann weder der Kapitalismus noch die strukturellen Mangelverhältnisse vorkommen. Hier empfiehlt er ergänzend Thomas Arnolds‘ und Thomas Fuchs‘ Band „Das unersättliche Selbst“. Deren zentrale These bringt er mit einem prägnanten Zitat auf den Punkt: „Eine zentrale Triebfeder dieser Gesellschaft ist der Mangel, der die kapitalistische Ökonomie am Laufen hält … narzisstischer Mangel kann daher einerseits als Motor des kapitalistischen Systems fungieren, andererseits durch ebendieses System noch gesteigert werden.“ Kapitalismus erscheint so als institutionalisierte Pleonexie, als unstillbares „Streben nach mehr“, das die Subjekte permanent in Unzufriedenheit hält und narzisstische Selbstbezogenheit fördert.
Dass dieser gesellschaftliche Narzissmus auch die ökologische Krise befeuert, verdeutlicht der Open-Access-Sammelband „Subjekte der ökologischen Verwüstung“, den Strohschneider als dritte Leseempfehlung vorstellt. Der Band fragt, warum trotz sichtbarer Zerstörung kaum kollektiver Widerstand entsteht und die Destruktion teils sogar genossen wird. Strohschneider unterstreicht das mit der Frage aus dem Buch: „Warum wird ein so problematisch gewordener gesellschaftlicher Zustand … affirmiert und verteidigt?“ Die Antwort suchen die Autor:innen in einer kritischen Theorie, die strukturelle kapitalistische Dynamiken und narzisstische Subjektformen zusammendenkt – ein Ansatz, der für Strohschneider die planetare Dimension des „Rechtsrucks“ erst vollständig erfassbar macht.
Einordnung
Strohschneider, als langjähriger Linken-Mitarbeiter und antikapitalistischer Journalist, schreibt aus einer klar marxistisch-psychoanalytischen Perspektive. Sein Text macht sich das Vorhaben der besprochenen Bände zu eigen: die gegenwärtige Regression weder rein ökonomisch noch rein psychologisch zu erklären. Ausgeblendet bleiben dabei konservative, liberale oder migrationskritische Deutungen des Rechtspopulismus, ebenso wie die Frage, ob nicht auch realpolitische Versäumnisse jenseits des Kapitalismus eine Rolle spielen. Die implizite Annahme, eine kapitalistisch erzeugte narzisstische Gesellschaftsstruktur sei die Haupttreiberin der politischen Entwicklung, ist theoretisch konsequent, läuft aber Gefahr, das Phänomen in einer hochabstrakten Diagnose aufzulösen.
Leser:innen, die einen tiefen Einblick in linke Theoriebildung wünschen und bereit sind, Rechtspopulismus konsequent aus der kapitalistischen Subjektform heraus zu denken, finden hier eine anspruchsvolle Leseempfehlung. Wer hingegen konkrete Handlungsoptionen oder empirische Breite erwartet, wird enttäuscht: Der Newsletter bleibt eine gelehrte, aber politisch folgenarme Analyse auf der Suche nach der rettenden Befreiung, die er selbst als ausbleibend beschreibt.