Im Mittelpunkt dieser Episode steht ein Gespräch mit Susanne Dagen, die als Buchhändlerin und Verlegerin die Messe „Seitenwechsel“ in Halle organisiert. Die Unterhaltung dreht sich vordergründig um die Herausforderungen und Ziele dieser Veranstaltung, die 2026 zum zweiten Mal stattfinden werde. Die Diskussion wird jedoch schnell zu einer grundsätzlichen Abrechnung mit dem, was Dagen und Moderator Roman Zeller als einen konformistischen „Mainstream“ beschreiben. Als selbstverständlich wird gesetzt, dass in Deutschland eine weitgehende Meinungsfreiheit nicht mehr gegeben sei und kritische Stimmen systematisch unterdrückt würden. Aus dieser Perspektive heraus wird die Buchmesse nicht nur als Literaturveranstaltung, sondern vor allem als Akt des Widerstands gegen einen als totalitär empfundenen Zeitgeist dargestellt.
Zentrale Punkte
- Buchmesse als Bollwerk gegen Konformismus Die Buchmesse „Seitenwechsel“ sei geschaffen worden, um Autor:innen und Verlagen eine Bühne zu bieten, die sich auf den großen Messen nicht mehr willkommen fühlten. Sie sei eine Reaktion auf einen angeblichen Konformitätsdruck und solle „Normalität“ und „Gemeinsamkeit“ in einem angeblich zunehmend unfreien Kulturbetrieb wiederherstellen.
- DDR-Vergleiche als Deutungsrahmen Dagen vergleiche die heutige Situation von Künstler:innen und Intellektuellen in Deutschland mehrfach mit ihrer Erfahrung in der DDR. Der Begriff „Kulturschaffende“ sei im Sinne einer Staatsdoktrin zu verstehen, und die Proteste gegen ihre Messe wiesen für sie ähnliche Muster von Einschüchterung und sozialer Ächtung auf wie das damalige System.
- Gesellschaft als Opfer zyklischer Katastrophen Dagen zeichne ein pessimistisches Bild: Die Gesellschaft steuere auf einen Zusammenbruch zu, da die Menschen nur durch eigenen Schmerz lernten. Die AfD habe nach 2015 „eigentlich alles richtig gemacht“. Ein Umdenken sei nicht zu erwarten; stattdessen würden „schmerzhafte Zeiten“ bevorstehen, die als unausweichlicher Teil gesellschaftlicher Zyklen dargestellt werden.
Einordnung
Die Episode bietet einen authentischen Einblick in eine spezifische Perspektive innerhalb der deutschen Kulturdebatte. Susanne Dagen spricht durchaus reflektiert und detailreich über die praktischen Hürden und Anfeindungen, mit denen sie und ihre Mitstreiter:innen bei der Organisation ihrer Messe konfrontiert waren. Das Gespräch dokumentiert aufschlussreich, wie eine Akteurin aus dem konservativ-rechten Spektrum ihren Platz in der öffentlichen Auseinandersetzung beschreibt und deutet.
Die Unterhaltung bleibt jedoch argumentativ an entscheidenden Stellen vage und reproduziert dabei ein stark vereinfachtes Weltbild. Die zentrale Annahme, es gebe einen monolithischen, unterdrückerischen „Mainstream“, wird zu keiner Zeit mit konkreten Beispielen oder strukturellen Analysen belegt. Stattdessen wird eine breite, nicht näher definierte politische und kulturelle Gegnerschaft konstruiert. Besonders auffällig ist die wiederholte Bezugnahme auf die DDR, die als pauschaler Vergleich für heutige gesellschaftliche Konflikte dient. Mit Formulierungen wie: „diese Art, das kenne ich natürlich als DDR-sozialisierte sehr gut, auch da war die Gänglei und die Restriktion von Seiten der politischen Regierung immer vorgegeben“ wird eine historische Erfahrung genutzt, um aktuelle politische Auseinandersetzungen moralisch aufzuladen, ohne die qualitativen Unterschiede zwischen einer Diktatur und einer demokratischen Öffentlichkeit zu benennen. Durch diese sprachliche Gleichsetzung normalisiert das Gespräch eine radikale Systemkritik, ohne deren Prämissen und Zuspitzungen kritisch zu hinterfragen.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die ein ungefiltertes Selbstzeugnis aus einem Teil des Kulturbetriebs suchen, der sich als widerständig gegen einen vermeintlichen Mainstream versteht, ist diese Episode aufschlussreich.
Sprecher:innen
- Susanne Dagen – Buchhändlerin und Verlegerin aus Dresden, Organisatorin der Messe „Seitenwechsel“
- Roman Zeller – Moderator bei Weltwoche Daily