In diesem Gespräch mit Gunther Schmidt, dem Begründer des hypnosystemischen Ansatzes, geht es um die Anwendung systemischer Prinzipien auf Organisationen, insbesondere im Vorfeld des Kongresses „von wissen zu wirken“. Schmidt stellt eine grundlegende Prämisse auf: Die gegenwärtige Weltlage sei geprägt von extremer Ungewissheit und Komplexität, auf die nur systemische – und hier vor allem seine eigenen hypnosystemischen – Konzepte eine optimale Antwort böten. Führungsmodelle, die auf zentralisierter, heroischer Steuerung basierten, werden als überholt und untauglich für die Bewältigung komplexer Wechselwirkungsprozesse dargestellt. Dabei wird die Fähigkeit, mit Ungewissheiten umzugehen und in komplexen Systemen handlungsfähig zu bleiben, als zentrales Ziel und zugleich als entscheidender Vorteil des systemischen Blicks postuliert.
Zentrale Punkte
- Von der Zukunft her denken Aus hypnosystemischer Sicht leite sich der Sinn und die Zielführung gegenwärtigen Handelns immer aus einer angestrebten Zukunft ab, nicht aus der Vergangenheit. Dieses Prinzip der „Pseudoorientierung in der Zeit“ nach Milton Erickson sei die Basis für alle Entwicklungsprozesse und stelle eine direkte Parallele zu C. Otto Scharmers Theorie U dar, wobei die Hypnosystemik für jede Phase konkretere Interventionsmöglichkeiten biete.
- Organisation als Kompetenzaktivierung Organisationen werden als Maßnahmen zur Bahnung von Aufmerksamkeit verstanden, die quasi hypnotisch das Erleben ihrer Mitglieder erzeugen. Um die Kompetenzen und das schlummernde Potenzial aller Beteiligten zu reaktivieren, müsse die Hierarchie massiv abgeflacht und durch komplexe Selbstorganisationsstrukturen ersetzt werden, die wiederum mehr bewusste Organisation und Koordination erforderten als eine klassische Top-Down-Struktur.
- Kontroverse um den Menschen in der Kommunikation Schmidt kritisiere die aus seiner Sicht oft zu abstrakt bleibende Luhmannsche Systemtheorie, die sich bei der praktischen Organisationsentwicklung zu sehr auf Kommunikation konzentriere und den Menschen aus dem Blick verliere. Für echte Wirkung sei es unerlässlich, auf die „internalen Prozesse“ und Befindlichkeiten der Menschen zu achten und diese mit der Kommunikationsebene zu verknüpfen – eine Auseinandersetzung, die er für den Kongress wünsche, um eine „Enthumanisierung“ der Beratung zu vermeiden.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine klare und pointierte Darstellung des hypnosystemischen Denkens, insbesondere dessen stringente Übersetzung von therapeutischen Prinzipien in ein praktiziertes Organisationsmodell am Beispiel der Systelios-Klinik. Die Detailtiefe, mit der Schmidt die Wechselwirkung zwischen internen Prozessen und Organisationsstruktur beschreibt, stellt eine Stärke dar und liefert konkrete Anknüpfungspunkte für Fachleute, die alternative Führungsmodelle suchen.
Allerdings trägt das Gespräch stark werbende Züge für den eigenen Ansatz und den beworbenen Kongress. Das hypnosystemische Modell wird wiederholt als anderen Konzepten grundsätzlich überlegen und als „optimal geeignet“ eingeordnet, während andere Strömungen, etwa heroische Managementmodelle oder die Luhmannsche Schule, als defizitär präsentiert werden. Eine selbstkritische Reflexion zu Grenzen, Widersprüchen oder internen Konflikten dieses als nahezu reibungslos geschilderten Selbstorganisationsmodells bleibt aus. So entsteht ein hermetisches Bild einer funktionierenden Praxis, das vor allem überzeugen, nicht aber analysieren will. Die eigene Position erscheint als konsequente Lösung, ohne dass wirklich diskutiert würde, unter welchen Bedingungen oder für wen dieses Modell an seine Grenzen stoßen könnte.
Hörempfehlung: Für alle, die an der praktischen Übertragung systemtherapeutischer Konzepte auf Organisationskontexte interessiert sind, bietet das Gespräch eine geerdete und erfahrungsgesättigte Perspektive, die über theoretische Entwürfe hinausgeht.
Sprecher:innen
- Narrator – Moderator:in des Carl-Auer-Podcasts „Sounds of Science“
- Dr. Gunther Schmidt – Begründer des hypnosystemischen Ansatzes, Gründer der Systelios-Klinik