In dieser Podcast-Episode von The Media Copilot spricht Gastgeber Pete Pachal mit Jonathan Woahn, dem Mitgründer des Unternehmens Cashmere, über ein weitgehend unbeachtetes Phänomen: die „Scraper Economy“. Während sich die juristischen Auseinandersetzungen zwischen Verlagen und KI-Firmen um Urheberrechtsverletzungen, Lizenzverhandlungen oder indirekte Blockaden drehen, hat sich parallel ein florierender grauer Markt formiert. Datenbroker, Indexierungsdienste und KI-Infrastrukturanbieter extrahieren im großen Stil Webinhalte und vermarkten sie – meist ohne Wissen und in der Regel ohne Vergütung der Inhalteproduzent:innen.
Woahn zeichnet das Bild eines Systems, das den gesellschaftlichen Vertrag zwischen großen Plattformen wie Google und klassischen Medienhäusern fundamental verändert hat. Während die Öffentlichkeit auf den sichtbaren Copyright-Krieg starrt, spielt sich die eigentliche Wertschöpfung im Verborgenen ab. Pachal bringt es auf den Punkt: „The legal battle over AI and content is the story everyone’s watching. But Jonathan Woahn is focused on something harder to see: the infrastructure layer that’s already extracting value from publisher content, with or without permission, and mostly without consequence.“
Der Gast führt aus, dass diese Parallelökonomie nicht nur die wirtschaftliche Basis der Verlage weiter aushöhlt, sondern auch eine Art Gewöhnungseffekt erzeuge. Etabliere sich der graue Markt erst als Standard-Infrastrukturschicht, werde es für ethisch kuratierte Marktplätze extrem schwer, Fuß zu fassen. Cashmere versucht hier gegenzusteuern, indem es Verlagen hilft, ihre Inhalte so zu strukturieren und zu lizenzieren, dass sie aktiv und gewinnbringend in KI-Systeme eingespeist werden können.
Das Gespräch kreist um die zentrale Frage, ob ein legitimer Markt für KI-Content-Lizenzierung überhaupt noch entstehen könne, bevor die Scraping-Ökonomie endgültig dominiert. Dabei werden auch Zukunftsszenarien wie sogenannte Inference-Märkte gestreift, die möglicherweise weit lukrativer sein könnten als das reine Training von Modellen. Die Episode versteht sich als dringender Aufruf an die Medienbranche, nicht länger nur auf die Verhandlungsergebnisse großer Deals zu warten, sondern die eigene Produktstrategie sowie die technische Infrastruktur grundlegend zu überdenken. Durch die Brille von Cashmere erscheint die aktive Teilnahme an der KI-Wertschöpfungskette als einziger Ausweg aus der drohenden Marginalisierung.
Einordnung
Der Newsletter präsentiert die „Scraper Economy“ aus der Perspektive eines Marktteilnehmers, dessen Geschäftsmodell untrennbar mit der Lösung genau dieses Problems verbunden ist – das erzeugt eine gewisse Betriebsblindheit. Stimmen von kleineren Creator:innen, Datenschutz-Aktivist:innen oder öffentlich-rechtlichen Institutionen, die offene Datenbestände verteidigen, fehlen völlig. Zudem schwingt die neoliberale Prämisse mit, dass sich jedes kulturelle Gut effizient vermarkten lassen müsse, um überleben zu können. Die versteckte Werbebotschaft für Adobe und eigene Kurse verstärkt den Eindruck eines strategisch positionierten Branchen-Updates, nicht einer neutralen Analyse.
Dennoch ist die Episode für Medienmacher:innen, Journalist:innen und Verlagsstrateg:innen aufschlussreich: Sie rückt einen blinden Fleck der aktuellen Debatte ins Blickfeld und liefert Denkanstöße für eine proaktive statt rein defensive Haltung gegenüber der KI-Transformation. Wer verstehen will, warum Copyright-Klagen allein keine zukunftsfähige Strategie sind, findet hier wertvolle Argumente – sollte aber die wirtschaftlichen Eigeninteressen der Gesprächspartner im Hinterkopf behalten.