Die Episode stellt das Buch Radical Infrastructure: Imagining the Internet from the Ground Up von Britt Paris vor, einer Professorin für Bibliotheks- und Informationswissenschaft. Im Gespräch mit Sam von 404 Media geht es um die materielle Basis und die oft unsichtbaren Machtstrukturen der Internet-Infrastruktur. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass der kommerzielle, monopolartige Internetzugang in Städten kein Naturgesetz sei, sondern dass es funktionierende, gemeinwohlorientierte Alternativen gebe. Paris‘ Argumentation verwebt persönliche Familiengeschichte mit einer politökonomischen Analyse.

Zentrale Punkte

  • Internet-Genossenschaften als funktionierende Alternative In abgelegenen ländlichen Regionen der USA hätten sich Genossenschaften gegründet, weil große Konzerne wie Comcast den Ausbau scheuten. Am Beispiel von NEMR oder der People‘s Rural Telecommunications Cooperative in Kentucky zeige sich, wie Mitglieder demokratisch über den Netzausbau entschieden und so Glasfaser für Schulen oder günstige Tarife für alle ermöglichten.
  • Die „Fäulnis" kommt aus tieferen Schichten Die Probleme auf der Anwendungsebene seien die sichtbaren Symptome kapitalistischer Rohstoff-Extraktion und Monopolisierung in den Tiefen der Infrastruktur. Private-Equity-Firmen kauften zentrale Austauschknotenpunkte auf, und die Logik der Ausbeutung setze sich von stillgelegten Kohleminen bis zu den neuen Rechenzentren der Kryptowährungsbranche im „Silicon Holler" fort.
  • Kampf um Mitbestimmung bei Bildungstechnologie An Hochschulen entschieden derzeit Verwaltungsleitungen über Technologie-Einführungen, oft gesteuert von Anbietern wie Microsoft oder OpenAI. Dies sei ein „Muss-Thema" bei Tarifverhandlungen, da Dozent:innen und Forschende eine gleichberechtigte Entscheidungsbefugnis forderten, um zu verhindern, dass ihre Arbeit zu „KI-Schrott" verarbeitet oder ihre Lehre durch Tools wie Copilot fremdbestimmt werde.

Einordnung

Die Stärke des Gesprächs liegt in der gelungenen Verbindung von abstrakten politökonomischen Thesen und sehr konkreten, persönlichen Erfahrungen der Autorin. Die Verflechtung der Familienerzählung mit der Funktionsweise eines Telekommunikationskollektivs macht komplexe infrastrukturelle Zusammenhänge zugänglich. Besonders wertvoll ist der Blick auf die Universitäten: Hier wird klar herausgearbeitet, dass die Einführung von KI-Tools in der Lehre keine technologische Notwendigkeit ist, sondern primär eine von Verwaltung und Industrie vorangetriebene strategische Entscheidung – ein Machtkampf, keine Sachzwang-Debatte.

Kritisch bleibt anzumerken, dass alternative Modelle wie Genossenschaften in der Darstellung nahezu romantisiert werden, während die Rede von „kapitalistischem Übergriff" oder „Fäulnis" sehr pauschal bleibt. Konkrete interne Spannungen oder ökonomische Zwänge solcher Kollektive werden nicht thematisiert. Zudem zementiert die Sprache eine strikte Dichotomie von böser, extraktiver Industrie auf der einen und guter, lokaler Gemeinschaft auf der anderen Seite, was Nuancen in der Debatte um benötigte Großinvestitionen verdeckt. Dass Paris die Tech-Industrie als treibende Kraft hinter KI an Unis wie folgt beschreibt: "they decided that, you know, this is a really good use case for us. This is a really good guinea pig for us to try to figure out", illustriert treffend, wie die Gesprächspartnerin die Wahrnehmung eines rein instrumentellen Verhältnisses zu Bildung durch die Tech-Konzerne konstruiert.

Sprecher:innen

  • Britt Paris – Professorin für kritische Informatik an der Rutgers University, Autorin von Radical Infrastructure
  • Sam (404 Media) – Host und Journalist mit Schwerpunkt auf Technologie und deren gesellschaftliche Auswirkungen