Tom Rivett-Carnac spricht mit dem BBC-Wissenschaftsjournalisten David Shukman und dem Ozeanografen Dr. Willem Huiskamp über die atlantische meridionale Umwälzströmung – ein gigantisches Strömungssystem, das Europas mildes Klima ermöglicht. Neue Forschung lege nahe, dass sich diese Zirkulation bis Ende des Jahrhunderts um bis zu 60 Prozent abschwächen könnte.

Im Zentrum steht nicht nur die wissenschaftliche Einordnung, sondern vor allem ein Ringen um Sprache: Wie kommuniziert man eine schleichende, in ihren genauen Auswirkungen unsichere, aber potenziell zivilisationsverändernde Entwicklung, ohne in Panikmache zu verfallen oder Menschen in die Hilflosigkeit zu treiben? Die Gesprächspartner setzen dabei stillschweigend voraus, dass Verständlichkeit und persönliche Betroffenheit die entscheidenden Hebel für gesellschaftliches Handeln seien.

Zentrale Punkte

  • Die Strömung als Heizung Europas Warmes Oberflächenwasser fließe Richtung Norden, kühle ab, sinke in die Tiefe und treibe so ein globales Wärmetransportsystem an. Ohne diesen Mechanismus, so Huiskamp, wäre das europäische Klima mit Regionen wie dem subarktischen Kanada vergleichbar.
  • Neue Daten, größere Sorgen Modelle, die die bisherigen Beobachtungen gut abbildeten, zeigten eine Abschwächung der Strömung um 51 bis 60 Prozent bis 2100. Huiskamp betone jedoch die große Unsicherheit: Selbst wenn ein Kipppunkt überschritten sei, könne es durch die Trägheit der Ozeane ein Jahrhundert dauern, bis das System komplett kollabiere.
  • Die Folgen sind konkret und widersprüchlich Eine starke Abschwächung bringe extreme Winterkälte (bis zu -50°C in Oslo), trockenere Sommer und das mögliche Ende des Ackerbaus in Teilen Großbritanniens. Gleichzeitig staue sich die nicht mehr nach Norden transportierte Wärme im globalen Süden und verschärfe dort die Hitzebelastung.
  • Das Kommunikationsdilemma Shukman und Rivett-Carnac diskutierten die Schwierigkeit, ein als „langweilig“ und fern empfundenes System zu vermitteln. Das Ziel müsse sein, die Bedrohung auf die persönliche Ebene herunterzubrechen, ohne die Kluft zwischen der gefühlten Bedrohung und der eigenen Handlungsfähigkeit unüberbrückbar zu machen.

Einordnung

Das Gespräch besticht durch seine präzise, bildhafte Vermittlung eines hochkomplexen physikalischen Prozesses. Huiskamp gelingt es, die wissenschaftliche Unsicherheit transparent zu machen und gleichzeitig die grundsätzliche physikalische Plausibilität klar zu benennen. Die journalistische Erfahrung Shukmans wird produktiv eingebracht, wenn er die eigene Hilflosigkeit angesichts des Themas zum Gegenstand der Reflexion macht und so die gesellschaftliche Kommunikationsblockade beim Namen nennt.

Allerdings verbleibt die Diskussion in einem engen, implizit nationalen Rahmen. Wenn Huiskamp von den Folgen spricht, konzentriert er sich auf Nordwesteuropa – die angedeuteten katastrophalen Konsequenzen für die Tropen durch Hitzestau werden weder vertieft, noch wird die Perspektive betroffener Regionen eingeholt. Die wiederholte Forderung, das Problem auf die individuelle Ebene herunterzubrechen, ist verständlich, verfängt sich aber in einem Widerspruch: Bei einem planetaren Kippelement wie der atlantischen Umwälzströmung ist der Sprung vom isolierten Haus oder der heimischen Vogelart zur nötigen globalen Systemtransformation kaum zu schaffen. Die politische Dimension – etwa wer die Kosten von Anpassung und Migrationsdruck trägt – bleibt ausgeklammert. Dies führt, wie Shukman es selbst formuliert, in ein Dilemma: "Because I think a lot of people do feel a sense of despair, don't they, Tom? And I think everybody's, yeah."

Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine eingängige Einführung in die Wissenschaft hinter der AMOC-Debatte suchen und verstehen wollen, warum dieses Thema die Klimakommunikation an ihre Grenzen bringt.

Sprecher:innen

  • Tom Rivett-Carnac – Moderator, ehemaliger politischer Stratege für das UN-Klimasekretariat
  • David Shukman – Ehemaliger BBC-Wissenschaftsredakteur und Autor von „The Response“
  • Dr. Willem Huiskamp – Ozeanograf am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)