Das Gespräch zwischen dem Weltwoche-Herausgeber Roger Köppel und dem russischen Strategie-Experten Fjodor Lukjanow verhandelt den Krieg in der Ukraine als ein Geschehen, das maßgeblich durch westliche Arroganz nach dem Kalten Krieg verursacht worden sei. Benannt wird der Konflikt als ein „absurder Krieg“, eine „spezielle Militäroperation“ oder ein Produkt „von allen Seiten gemachter Fehler“. Europa wird dabei explizit als der „größte Risikofaktor“ gesetzt – eine Perspektive, in der die russische Invasion nicht als ursächlicher Gewaltakt erscheint, sondern als Reaktion auf eine als selbstverständlich dargestellte Bedrohung durch die NATO-Osterweiterung.

Zentrale Punkte

  • Russlands strategische Gewissheit Lukjanow behaupte, dass die ukrainischen Angriffe auf Ziele tief in Russland die Dynamik auf dem Schlachtfeld nicht veränderten. Russland rücke langsam, aber stetig vor, und in Moskau herrsche die Überzeugung, dass der Krieg letztlich zugunsten Russlands ausgehen werde – unabhängig von den neuen Fähigkeiten der Ukraine.
  • Kein Frieden, aber auch kein nuklearer Untergang Eine politische Lösung des Konflikts sei derzeit nicht absehbar, so Lukjanow. Gleichzeitig dämpfe er die Erwartung eines nuklearen „Armageddon": Man sei noch nicht an diesem Punkt. Das von Köppel ins Spiel gebrachte Szenario einer umfassenden Eskalationsbereitschaft unter russischen Eliten bestreite er in dieser Zuspitzung.

Einordnung

Die Episode inszeniert sich als Lieferant der „anderen Sicht" jenseits eines angenommenen westlichen Konsenses. Gastgeber Köppel rahmt das Gespräch mit ironisch-distanzierenden Formulierungen gegenüber dem Westen („before the madness came over the world") und bietet Lukjanow eine Plattform, dessen Positionen kaum hinterfragt werden. Der Gesprächsverlauf ist nicht konfrontativ, sondern ein gegenseitiges Bestätigen: Köppel zitiert angebliche Insider-Stimmen, die einen russischen Atomschlag als Option skizzieren, und liefert dem Gast so die Vorlage, diese Extremposition moderat zu widerlegen – was Lukjanows eigene, härtere Analyse (kein Frieden in Sicht, Europa als Risikofaktor) im Kontrast als ausgewogen erscheinen lässt.

Die Stärke der Episode liegt darin, eine Perspektive hörbar zu machen, die im deutschsprachigen Raum sonst kaum ungefiltert zu Wort kommt. Allerdings verzichtet das Gespräch konsequent auf Einordnung. Begriffe wie „spezielle Militäroperation" werden unkommentiert übernommen. Die russische Kriegsschuld wird im Narrativ der NATO-Osterweiterung und westlicher Arroganz systematisch relativiert. Die titelgebende These vom „größten Risikofaktor Europa" steht als Botschaft unkritisch im Raum. Ukrainische Stimmen fehlen völlig. Wertvoll ist die Episode für Hörer:innen, die gezielt verstehen wollen, wie russische außenpolitische Eliten den Krieg sprachlich und argumentativ legitimieren – vorausgesetzt, sie bringen die Fähigkeit zur kritischen Distanz mit.

Hörwarnung: Die Sendung präsentiert russische Staatsnarrative ohne Gegendarstellung und stellt die völkerrechtswidrige Invasion als Reaktion auf westliche Provokation dar.

Sprecher:innen

  • Roger Köppel – Herausgeber und Moderator, Weltwoche
  • Fyodor Lukjanow – Chefredakteur Russia in Global Affairs, Forschungsprofessor an der Higher School of Economics, Moskau