Das Gespräch rückt das in der Leistungsgesellschaft vorherrschende negative Bild vom Alter zurecht. Entgegen der landläufigen Vorstellung von Schmerz und Einsamkeit wird das Alter als eine Phase beschrieben, in der die Lebenszufriedenheit paradoxerweise steigen könne – zumindest bis zum Eintritt hoher Multimorbidität. Die Gäste argumentieren, dass dies mit einem Wandel in der Einstellung zusammenhänge: Es gehe um eine Neukalibrierung des Wohlbefindens weg von Besitz- hin zu Sinnfragen. Besonders kritisch wird der technizistische Blick der „Longevity"-Bewegung auf das Altern gesehen, die den Alterungsprozess als eine Ansammlung von technisch zu reparierenden „Fehlern" betrachte.
Zentrale Punkte
- Das Paradox des Wohlbefindens Mit zunehmendem Alter nehme die Lebenszufriedenheit nicht ab, sondern zu, was Perrig-Chiello das „Paradox des Wohlbefindens im Alter" nennt. Verantwortlich dafür seien eine größere Freiheit in der Lebensgestaltung und eine Verschiebung der Werte hin zu Sinnstiftung statt Status.
- Gelassenheit statt Kontrollwahn Gutes Altern beruhe auf Akzeptanz für Unveränderliches und der Einsicht in die Normalität von körperlichen und sozialen Veränderungen. Die Vorstellung der Longevity-Szene, Altern ließe sich durch die Lösung von „11 Problemfeldern" kontrollieren, wird als einseitiger „Kontrollwahn" kritisiert, der dem widerfahrenden Charakter des Lebens nicht gerecht werde.
- Doppelte Diskriminierung älterer Frauen Altersdiskriminierung treffe Frauen besonders hart, da sie zusätzlich an patriarchalen Standards gemessen würden, die ihren Wert an jugendlichem Aussehen und reproduktiven Rollen festmachten. Subtile Äußerungen wie „Du siehst noch gut aus" oder die gesellschaftliche Unsichtbarkeit ihrer Care-Arbeit seien dafür prägnante Beispiele.
Einordnung
Das Gespräch lebt von der interdisziplinären Perspektive seiner Gäste, die empirische Entwicklungspsychologie und Philosophie klug verzahnt. Perrig-Chiello unterfüttert ihre Thesen zur Resilienz im Alter mit konkreten Studien und macht psychische Mechanismen verständlich, während Mooren mit philosophischen Begriffen wie „Akzeptanz" oder dem „widerfahrenden" Charakter des Lebens eine präzise Gegenposition zum technischen Machbarkeitswahn anbietet. Die Sendung schafft es, die Komplexität des Themas zwischen subjektivem Gefühl und gesellschaftlicher Zuschreibung aufzuzeigen, ohne in einfache Rezepte zu verfallen. Besonders stark ist die Diskussion, wie subtil und tief verwurzelt Ageism und Sexismus in alltäglichen Komplimenten stecken.
Die Perspektive bleibt jedoch stark im Individuellen verankert. Dass ein „gutes Alter" zuvorderst eine Frage der persönlichen Charakterstruktur wie „Offenheit für Neues" oder der Krisenbewältigungsfähigkeit sei, setzt implizit ein hohes Maß an psychischen und sozioökonomischen Ressourcen voraus. Die gesellschaftliche Ebene wird zwar etwa hinsichtlich fehlender Anerkennung von Care-Arbeit angesprochen, strukturelle Hürden wie Altersarmut oder ein Gesundheitssystem, das Prävention im Alter vernachlässigt, bleiben jedoch weitgehend ausgespart. Das provokative Statement von Perrig-Chiello, das Alter sei „nichts für Feiglinge" – es sei gar kein Mut nötig, man mache einfach das Beste draus –, wird vom Moderator leider nicht auf seinen impliziten Appell an Eigenverantwortung hin hinterfragt, der für weniger resiliente Menschen auch Druck bedeuten kann. Die Episode bietet eine anregende, aber eher elitäre Perspektive auf das Älterwerden, die gelegentlich ausblendet, dass gute Voraussetzungen dafür nicht universell sind.
Hörempfehlung: Für alle, die sich jenseits von Anti-Aging-Versprechen ein differenziertes und empirisch unterfüttertes Bild vom Älterwerden machen wollen und sich für die Schnittstelle von Psychologie und Philosophie interessieren.
Sprecher:innen
- Yves Bossart – Moderator der Sendung „Sternstunde Philosophie"
- Pasqualina Perrig-Chiello – Entwicklungspsychologin, Psychotherapeutin und emeritierte Professorin an der Universität Bern
- Nadine Mooren – Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Trier