Der Autor Marcus, ein TikTok-Analyst, der eigentlich auf der re:publica sprechen sollte, nimmt uns mit in eine düstere Ecke seines For-You-Pages. Dort wimmelt es von KI-generierten Videos, die weit raffinierter sind als frühere Slop-Wellen. An drei Beispielen und mit einem theoretischen Werkzeugkasten aus Kunst- und Medienwissenschaft erklärt er, warum diese Bilder wirken – selbst wenn sie offensichtlich unecht sind. Das erste Beispiel, ein deutschsprachiges Scam-Video mit einer jungen Frau in einer chinesischen Dorfkulisse, die einsame ältere Männer umgarnt, wird mit Hito Steyerls Begriff des „mean image“ gedeutet: Die Figur ist keine Person, sondern ein statistischer Durchschnitt, komponiert aus exotisierenden Stereotypen. Roland Meyers Konzept des „Plattform-Realismus“ zeigt, dass solche Bilder nicht an der Realität, sondern an bereits zirkulierenden Bildern optimiert sind. Die entscheidende Wirkung entfalten sie laut Yanai Toister und Joanna Zylinska als „cognitive hacking“: Selbst wer die Videos als Fake erkennt, trägt dazu bei, dass der Typus der verfügbaren ländlichen Asiatin vertrauter wird – „unabhängig davon, ob die individuelle Betrachterin einem einzelnen Video glaubt“.
Das zweite Beispiel ist ein zweiköpfiges Strand-Influencerin-Bild, das mit der Tonspur über Vorurteile und Akzeptanz einen aufrichtigen Behinderungsdiskurs instrumentalisiert, um Empathie und Engagement zu extrahieren. Der Betreiber des Accounts testet verschiedene Affekt-Köder und tauscht Körper sowie Audio aus, sobald die Klickzahlen sinken. Das dritte Beispiel zeigt die Maschine im Trainingsmodus: ein Cluster dutzender KI-Accounts, die mit zufälligen Nutzernamen rechtspopulistische Bilder produzieren – ältere Weiße in Regen und Sekt, vor gotischen Kathedralen, oft mit glitchigen Händen. Diese Bilder sind keine Einzelfälle, sondern eine systematische Iteration. Die Plattform verstärkt sie, während das KI-Kennzeichnungsfeld auf Null steht und die Algorithmen nach Engagement sortieren, nicht nach Echtheit.
Marcus nennt diese Konvergenz „postdigitale Propaganda“: keine Kampagne eines klaren Akteurs, sondern eine Angleichung, die das System selbst produziert. Plattformlogiken belohnen, was affektiv passt, und viele Betreiber:innen, die sich nicht koordinieren, landen beim gleichen Bildervorrat. So entsteht ein gemeinsames Imaginäres, das keine individuelle Überzeugung mehr braucht.
Einordnung
Die Stärke dieses Newsletters liegt in der präzisen theoretischen Rahmung, die sichtbar macht, was unter der Aufmerksamkeitsschwelle verändert wird. Die Perspektive bleibt jedoch stark akademisch: Stimmen der Produzent:innen oder ethnografische Einblicke in Rezeptionspraktiken fehlen. Die Annahme, dass KI-Bilder fast zwangsläufig schädlich auf die kollektive Vorstellung wirken, ist plausibel, aber nicht empirisch untermauert. Der Text bleibt eine einflussreiche, politisch wache Medienkritik, die normativ einen aufgeklärten Umgang einfordert. Lesenswert ist die Analyse für alle, die verstehen wollen, wie Plattformen rechte Bildwelten und betrügerische Affekte ohne Kennzeichnung befeuern. Wer jedoch konkrete Zahlen oder Gegenerzählungen sucht, wird enttäuscht.