In dieser Folge erinnern Semiya Şimşek und Gamze Kubasik an die Schweigemärsche von 2006, die nach den Morden an Mehmet Kubasik und Halit Yozgat stattfanden. Die Moderation fragt, wie es zu den Protesten kam. Die beiden Töchter berichten, die Behörden hätten nicht die Täter verfolgt, sondern die Familien verdächtigt. Die Erzählung macht sichtbar, wie Betroffene rassistischer Gewalt als Objekte von Ermittlungen behandelt wurden.

Zentrale Punkte

  • Fokus auf Familien statt Täter
    Die Ermittlungen hätten sich nach den Morden nicht gegen die Täter gerichtet, sondern gegen die Familien; diese seien verdächtigt worden, Drogen- oder Mafia-Verbindungen zu haben. Die Forderung der Märsche sei daher gewesen, kein weiteres Opfer zuzulassen.
  • Aufschrei nach Solidarität
    Die Familien hätten sich von Gesellschaft, Staat und Behörden alleingelassen gefühlt; ihre Demonstrationen seien aus Ohnmacht und Verzweiflung entstanden. Sie hätten keine Unterstützung erhalten und stattdessen öffentlicher Stigmatisierung ausgesetzt.
  • Prozess ohne umfassende Aufklärung
    Der spätere NSU-Prozess habe die Rolle von Geheimdiensten und V-Leuten nicht geklärt; struktureller Rassismus in Polizei und Behörden sei nicht ausreichend thematisiert worden. Die Angeklagten hätten aus Sicht der Familien zu milde Urteile erhalten.

Einordnung

Die Stärke der Episode liegt darin, dass sie den Betroffenen die Deutungshoheit über ihre Geschichte gibt. Semiya Şimşek und Gamze Kubasik schildern, wie sie als handelnde Subjekte auftraten, nicht nur als passive Opfer. Die Erzählung bleibt dicht an der Erfahrung, ohne die emotionale Wucht zu glätten.

Gleichzeitig bleibt die Darstellung stark auf die Perspektive der Familien begrenzt; die Innensicht der Behörden oder eine differenzierte Einordnung einzelner Institutionen fehlt. Die Sendung spricht pauschal von „den Behörden“, ohne zu unterscheiden, welche Stellen was wussten oder taten. Wie Gamze Kubasik formuliert: „das war eigentlich so ein Aufschrei, wir glauben das nicht“ – diese emotionale Rahmung prägt die gesamte Episode.

Hörempfehlung: Für alle, die die Perspektive der NSU-Opferfamilien verstehen und die Erinnerungsarbeit würdigen möchten, ist diese Episode ein eindrücklicher Zugang.

Sprecher:innen

  • Semiya Şimşek – Tochter von Enver Şimşek, Autorin
  • Gamze Kubasik – Tochter von Mehmet Kubasik, Autorin
  • Moderation – NSU-Watch Podcast