Die jüngste Ausgabe von Public Notice zerlegt zwei Vorfälle, die auf den ersten Blick absurd wirken, aber laut Autor Noah ein grundlegendes Muster der Trump-Regierung offenbaren: Aus persönlicher Peinlichkeit und narzisstischer Kränkung wird exekutive Gewalt, die unschuldige Menschen trifft und öffentliche Güter beschädigt. Als zentrales Zitat zieht sich die Diagnose durch den Text: „We are living under the personalist dictatorship of a hateful clown obsessed with the news cycle and owning the libs.“ Diese Zuspitzung untermauert der Newsletter anhand zweier aktueller Beispiele.

Zum einen geht es um das Lincoln-Reflecting-Pool-Desaster. Trump ließ Renovierungen ohne öffentliche Ausschreibung an parteinahe Spender vergeben – darunter ein 1,7-Millionen-Dollar-Auftrag für Wasseraufbereitung an einen Geschäftsmann mit Verbindungen nach Mar-a-Lago. Das Ergebnis: eine sich in Fetzen ablösende Beschichtung und eine riesige Algenblüte, die das Nationaldenkmal verschandelt. Statt die offensichtliche Fehlplanung einzuräumen, erfand Trump eine krude Verschwörungserzählung von Vandalismus mit „vermutlich einem Cuttermesser“. Die Folge war nicht nur lächerliche Sicherheitstheater-Zäune, sondern auch die Anklage gegen den dreifachen Olympia-Kanuten David Hearn, der lediglich ein loses Stück der Beschichtung berührt hatte. Die lächerliche Inszenierung der Anklage durch die frühere Fox-News-Propagandistin Jeanine Pirro unterstreicht für den Autor den Zynismus: Hier wird ein Passant zum Sündenbock gemacht, um das eigene Versagen zu kaschieren.

Das zweite Beispiel ist kaum weniger grotesk. New Yorks sozialistischer Bürgermeister Zohran Mamdani empfahl angesichts einer Hitzewelle, die Klimaanlage auf 78 Grad Fahrenheit (rund 25,5 °C) zu stellen, um das Stromnetz zu entlasten – ein harmloser Ratschlag, der direkt von der US-Energiebehörde stammte. Rechte Leitfiguren wie Dave Portnoy und Brian Kilmeade witterten sofort „Kommunismus“ und zogen über Mamdani her. Peinlich für sie: Prompt tauchten die fast wortgleichen Empfehlungen auf den Regierungswebseiten auf. Statt die eigene Dummheit einzugestehen, reagierte die Administration mit brachialer Zensur: Über 6.000 Webseiten zu Heizung, Kühlung und Energieeinsparung wurden gelöscht. Der Internet-Archivar Jason Scott brachte es auf den Punkt: „Erwähne ein Dokument, das Leute dumm dastehen lässt, und sie werden jahrelange Dokumente und bezahlte Forschung löschen, um das Gesicht zu wahren.“ Aus einer Nichtigkeit wurde so ein Angriff auf öffentliche Informationen inmitten einer lebensbedrohlichen Hitzewelle.

Noah verortet beide Episoden in einem größeren Narrativ: Trumps Präsidentschaft sei die Geschichte eines Mannes, der das Land, seine Gesetze und seine Behörden darauf verpflichtet, jeden noch so lächerlichen Online-Streit zu gewinnen und jede Blamage zu rächen. Ein zweites Schlüsselzitat fasst diese Haltung zusammen: „Trump believes the country, and all its people, and all its money, and all its law enforcement, exist to make sure he wins all his online arguments and never has to say he’s sorry.“ Für den Autor sind die Algen-Affäre und die Löschaktion keine harmlosen Anekdoten, sondern Symptome einer auf Dauer gestellten, von kleinlicher Rachsucht getriebenen Selbstherrschaft, die vor nichts Halt macht – nicht vor Olympia-Helden, nicht vor Klimaschutzinformationen.

Einordnung

Der Text ist keine neutrale Berichterstattung, sondern ein meinungsstarker, bewusst polarisierender Kommentar aus einem klar linksliberalen bis linken Spektrum. Autor Noah – für Public Notice typisch – betrachtet Trumps Handeln durch eine personalisierte Linse: Alles erscheint als direkter Ausfluss von Eitelkeit und Hass. Strukturelle, ökonomische oder bürokratische Faktoren, die auch in einer dysfunktionalen Administration wirken könnten, werden fast vollständig ausgeblendet. Die Stärke liegt in der zugespitzten, einprägsamen Darstellung der Absurdität und der echten Schäden für Individuen wie David Hearn. Die rhetorischen Mittel (Caligula-Vergleiche, „gormless rubes“) sind effektvoll, ersetzen aber streckenweise eine tiefere Analyse. Unausgesprochen bleibt das Interesse des Newsletters selbst: Durch die drastische Zuspitzung werden Abonnements und eine emotionale Bindung an die Marke generiert.

Die Episode ist gesellschaftlich relevant, weil sie zeigt, wie rasch staatliche Machtmittel für die Verteidigung fragiler Egos instrumentalisiert werden können – und wie schnell demokratische Normalität in Sicherheitstheater und Zensur kippt. Für Leser:innen, die bereits kritisch gegenüber Trump eingestellt sind, bietet der Newsletter eine pointierte Bestätigung und unterhaltsame Empörung. Wer eine abgewogene, multiperspektivische Einordnung sucht, wird hingegen enttäuscht. Lesenswert vor allem als Beispiel dafür, wie politischer Journalismus im digitalen Zeitalter selbst zum Akteur im Kulturkampf wird.