Die Filmanalyse: Ep. 285: Die Leere der Demokratie: LA GRAZIA von Paolo Sorrentino – Kritik & Analyse
Eine ideologiekritische Analyse von Sorrentinos „La Grazia“ durch die Linse von Carl Schmitt und Thomas Hobbes.
Die Filmanalyse
22 min read1447 min audioIn der Episode von „Die Filmanalyse“ bespricht Wolfgang M. Schmitt jun. Paolo Sorrentinos Film „La Grazia“. Im Zentrum steht der fiktive italienische Staatspräsident Mariano De Santis, der als Gegenentwurf zum populistischen Dezisionismus gezeichnet wird. Der Podcast verhandelt den Film als staatstheoretischen Diskurs über die Natur der Macht in liberalen Demokratien. Dabei wird die Prämisse als selbstverständlich gesetzt, dass private Befindlichkeiten politische Herrschaftsstrukturen in der Moderne unweigerlich beeinflussen und durchdringen.
### Zentrale Punkte
* **Technokratie statt Dezisionismus**
Der Präsident werde als Technokrat skizziert, der Entscheidungen auf Basis absoluter Wahrheitsfindung treffen wolle. Damit bilde er den Gegenpol zur reinen, unbegründeten Machtausübung.
* **Grenzen der Rationalität**
Selbst in liberalen Demokratien ließen sich Beschlüsse nicht rein rational begründen. Am Ende basiere jede finale Entscheidung auf bloßer Autorität und ähnele damit vormodernen Glaubensakten.
* **Vorrang der Privatsphäre**
Unter Rückgriff auf Carl Schmitt werde argumentiert, dass der Aufstieg der Privatsphäre die staatliche Macht aushöhle. Diese Leerstelle erzeuge eine Melancholie, die den Film grundlegend durchziehe.
### Einordnung
Die Episode besticht durch die stringente Verknüpfung von filmischer Ästhetik und politischer Theorie. Die Analyse hebt das Werk auf eine staatstheoretische Ebene, indem sie das Zaudern der Hauptfigur historisch fundiert einordnet. Kritisch fällt auf, dass die Theorien des antiliberalen Denkers Carl Schmitt zwar kurz als antisemitisch markiert, dann aber als analytisches Prisma weitgehend unhinterfragt adaptiert werden. So wird die These übernommen, der liberale Staat dränge den Glauben ins Private, woraufhin eine solche rein öffentliche Macht „von innen her bereits entseelt“ sei. Alternative staatsphilosophische Lesarten oder eine stärkere Reibung an Schmitts antidemokratischem Grundrauschen bleiben in diesem monologischen Format ausgespart.
**Hörempfehlung**: Für film- und theorieinteressierte Hörer:innen, die eine fundierte ideologiekritische Perspektive auf Kino jenseits reiner Inhaltsangaben suchen.
### Sprecher:innen
* **Wolfgang M. Schmitt jun.** – Filmkritiker und Moderator