In dieser Episode von "Kaffee, extra schwarz" diskutieren Ahmad Mansour und Oliver Mayer-Rüth mit Dr. Timm Kehler, dem Vorstand des Verbands Gas- und Wasserstoffwirtschaft, über die künftige Stromversorgung in Deutschland. Anlass ist der geplante Bau zahlreicher Gaskraftwerke, die bei sogenannten Dunkelflauten einspringen sollen. Kehler vertritt dabei die Position, dass diese Kraftwerke unverzichtbar seien und der Strompreis durch den nötigen Klimaschutz strukturell steigen werde. Die beiden Hosts verknüpfen das Thema mit persönlichen Erfahrungen – von Urlaubsfahrten mit dem Diesel über den Berliner Stromausfall bis hin zur Verwunderung über deutsche Technologie-Skepsis. Die Diskussion wird gerahmt von der Annahme, dass Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz in einem Spannungsverhältnis stünden und dass Deutschland sich durch ideologische Debatten und Regulierung selbst im Weg stehe.
Zentrale Punkte
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Gaskraftwerke als unverzichtbare Reserve Kehler argumentiere, dass für die Versorgungssicherheit während mehrtägiger bis mehrwöchiger Dunkelflauten neue Gaskraftwerke zwingend nötig seien. Batteriespeicher könnten lediglich kurzzeitige Spitzen abdecken, nicht die benötigten Kapazitäten von über 20 Gigawatt ersetzen. Die Idee eines Kapazitätsmarktes sei wissenschaftlich fundiert und habe bereits belgische Vorbilder.
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Technologieoffenheit als vermeintliches Tabu Mansour und Mayer-Rüth beklagen eine „deutsche Mentalität“ der Angst und ideologischen Verweigerung gegenüber Technologien wie Atomkraft oder Fracking. Der Atomausstieg sei ein Fehler gewesen, der die aktuelle Lage verschärft habe. Kritische Umweltgruppen werden als dialogunfähige Ideolog:innen dargestellt, die mitunter mit „Terroristen“ verglichen werden.
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Der Markt als Preiskorrektiv Kehler vertrete die Auffassung, dass hohe Preise ein Marktsignal seien, das neue Angebote schaffe. Der globale Gasmarkt habe sich nach dem Ukraine-Krieg diversifiziert, Russlands Anteil sei ersetzt worden. Langfristig seien sinkende Preise zu erwarten, auch wenn der Strompreis durch die Kosten des Klimaschutzes strukturell steigen müsse.
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Industrielle Abwanderung als unterschätzte Gefahr Die Diskussion zeichne das Bild einer schleichenden Deindustrialisierung: Energieintensive Industrien hätten seit Jahren rückläufige Produktion und verlagerten Kapazitäten ins Ausland. Der CO₂-Preis sowie hohe Energiekosten – ein deutsches Chemieunternehmen zahle das Sechs- bis Siebenfache für Gas im Vergleich zu Texas – gefährdeten ganze Wertschöpfungsketten und damit die Resilienz des Standorts.
Einordnung
Die Episode bietet eine verständliche, wenn auch stark interessengeleitete Einführung in die Debatte um Kapazitätsmärkte und Versorgungssicherheit. Kehler kann seine Argumente – basierend auf Zahlen der Bundesnetzagentur und belgischen Vorbildern – einigermaßen konkret darlegen. Die Hosts stellen kritische Nachfragen zu den Kosten und zur sozialen Verträglichkeit, was die Lobby-Perspektive zumindest punktuell einordnet. Die Diskussion wird dadurch stellenweise lebendig und für ein Laienpublikum nachvollziehbar.
Allerdings bleibt die Diskussion extrem eng gefasst und von unhinterfragten Setzungen durchzogen. Dass Kehler als Branchenvertreter ein klares Eigeninteresse am Ausbau von Gaskraftwerken hat, wird zwar nicht verschwiegen, aber auch nicht wirklich problematisiert oder durch Gegenexpertise ausbalanciert. Die Kritik des Unternehmens 1,5, Batteriespeicher, dezentrale Lösungen und mögliche EU-Beihilfe-Konflikte werden nur kurz erwähnt und von Kehler ohne Widerspruch abgeräumt. Dass Batteriespeicher weltweit massive Fortschritte machen und in Kalifornien oder Australien bereits große Netzfunktionen übernehmen, kommt nicht vor. Die pauschale Delegitimierung von Klimaaktivist:innen als „ideologisch“ und „dialogunfähig“ – "die machen die Menschen Angst und Schuldgefühle" – ist ein durchgehendes Muster, das eine sachliche Auseinandersetzung mit deren tatsächlichen Argumenten ersetzt. Besonders problematisch: Ahmad Mansours Gleichsetzung von Protestierenden, „die auf andere Wege irgendwie einen Blackout ermöglichen“, mit den „Terroristen von Anfang des Jahres“. Diese rhetorische Figur delegitimiert demokratischen Protest, ohne inhaltliche Kritik zu leisten.
Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen möchten, wie Gas-Lobbyarbeit argumentativ funktioniert und welche Narrative die Branche gegen alternative Energie-Konzepte in Stellung bringt, mit kritischer Distanz lohnenswert.
Sprecher:innen
- Ahmad Mansour – Autor, Moderator des Podcasts, in Israel sozialisiert
- Oliver Mayer-Rüth – Journalist und Co-Moderator des Podcasts
- Dr. Timm Kehler – Vorstand des Verbands Gas- und Wasserstoffwirtschaft, ehemals BMW-Manager