Der investigative Journalist Michael Höft erzählt von seinen Recherchen für eine ARD-Story über die Umgehung von EU-Sanktionen. Im Mittelpunkt steht der Weg sanktionierter Güter – zivil nutzbare Bauteile, die auch für Waffen verwendet werden können – nach Russland, oft über Kasachstan. Das Gespräch ist eine sachliche Rekonstruktion von Höfts Recherche: von ukrainischen Geheimdienstlern, die in russischen Drohnen deutsche Bauteile finden, über russische Zolldaten, die den Warenstrom sichtbar machen, bis hin zu Firmenbesuchen in Kasachstan. Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass Sanktionen das richtige Mittel seien und nur an mangelnder Umsetzung scheitern.

Zentrale Punkte

  • Deutsche Teile in Kampfdrohnen Der ukrainische Militärgeheimdienst habe in russischen Geran-2-Drohnen Bauteile aus westlicher Produktion entdeckt, darunter solche aus Deutschland. Über 80 Prozent der Komponenten stammten demnach nicht aus Russland. Die Ukrainer:innen dokumentierten die Funde und gäben sie an die EU weiter, in der Hoffnung, dass diese den Nachschub stoppen könne.
  • Kasachstan als Drehscheibe Ausgewertete russische Zolldaten zeigten, dass sanktionierte Güter systematisch über zentralasiatische Länder, vor allem Kasachstan, nach Russland gelangten. Eine kasachische Firma habe der Recherche zufolge Kugellager eines deutschen Herstellers direkt an eine Adresse in Russland geliefert – eigene Zolldokumente belegten dies. Es handle sich um ein systemisches Geschäft, nicht um Einzelfälle.
  • Sanktionen leicht zu umgehen Höft habe testweise selbst ein Paket mit verbotenen Bauteilen über Kasachstan an eine Moskauer Adresse geschickt. Weder der deutsche noch der kasachische Zoll hätten die Sendung gestoppt; eine Zollmitarbeiterin habe den Inhalt zwar geprüft, sei aber nur an Lebensmitteln oder Drogen interessiert gewesen. Das 20. Sanktionspaket der EU ändere an dieser Lücke wenig, da es nur Kirgistan, nicht aber Kasachstan neu sanktioniere.

Einordnung

Die Episode liefert eine dichte und anschauliche Rekonstruktion journalistischer Recherchearbeit. Besonders wertvoll ist die Kombination verschiedener Quellen und Methoden: geheime Zolldaten, Gespräche mit ukrainischen Ermittler:innen, Vor-Ort-Besuche bei Firmen in Kasachstan und ein Selbstversuch mit einem Test-Paket. Dieses Vorgehen macht die Schleusenwege konkret nachvollziehbar und belegt den Vorwurf der systematischen Sanktionsumgehung mit mehreren unabhängigen Strängen. Die Argumentation ist stringent und faktenbasiert.

Einige Aspekte bleiben unterbelichtet. So wird die Verantwortung deutscher Hersteller zwar benannt – sie müssten ihre Lieferketten kontrollieren und hafteten dafür –, aber die Frage nach Mitwissen oder bewusster Fahrlässigkeit wird nicht vertieft. Das Verhalten der Firma Schäffler, die jede Stellungnahme verweigert habe, bleibt unkommentiert im Raum stehen. Die Perspektive der EU wird mit dem Sanktionsbeauftragten eingebracht, dessen Aussagen jedoch als bloße Rechtfertigung erscheinen, ohne dass eine echte Auseinandersetzung mit seiner Argumentation stattfindet. Dass Sanktionen die Zivilbevölkerung härter träfen als die Rüstungsindustrie, wird als Vermutung geäußert, aber nicht belegt.

Hörempfehlung: Eine lohnende Episode für alle, die verstehen möchten, wie investigativ recherchierte Handelsströme aussehen und warum Sanktionspolitik oft wirkungslos bleibt.

Sprecher:innen

  • Michael Höft – Freier Journalist, recherchierte die ARD-Story „Die Russlandroute – Sanktionen sinnlos?“
  • Elena Kuch – Host des tagesschau-Podcasts 11KM