Wie entsteht ein Blick auf die Welt jenseits der großen Schlagzeilen aus den USA oder Brüssel? Annika Schneider spricht mit der Journalistin Sham Jaff über ihren wöchentlichen englischsprachigen Newsletter "What happened last week", mit dem sie seit über einem Jahrzehnt konsequent über Regionen und Themen berichtet, die in etablierten Medien selten auftauchen. Im Zentrum steht die Frage, wie man respektvoll über Länder schreiben kann, in denen man selbst nie war. Die Diskussion kreist dabei um das eigene Selbstverständnis als erklärende Journalistin und die bewusste Entscheidung gegen Sensationalismus und Exotisierung.
Die grundlegende Annahme, die das Gespräch prägt, ist, dass die etablierte Auslandsberichterstattung systematisch bestimmte Perspektiven vernachlässigt – nicht aus bösem Willen, sondern aufgrund fester Routinen, Ressourcenverteilung, historisch gewachsener Interessen und eigener Vorurteile. Dagegen wird ein Journalismus gesetzt, der über das reine Vermitteln von Fakten hinausgehen und durch kulturelle Zugänge sowie persönliche Ansprache ein tieferes Verständnis und Neugier fördern soll.
Zentrale Punkte
- Über Themen statt über Länder sprechen Um Stereotype und einen exotisierenden Blick zu vermeiden, stelle Jaff nicht das Land, sondern ein universell verständliches Thema in den Mittelpunkt. Am Beispiel von Menstruationsurlaub in Nairobi County erläutere sie, wie das Land so in den Hintergrund rücke und eine respektvollere Auseinandersetzung mit globalen Fragen ermögliche, ohne als "kostenlose Anwältin" für eine Region aufzutreten.
- Kultureller Zugang als Korrektiv Jaff schildere, wie sie sich Ländern über Musikcharts, Filme und Literatur nähere, anstatt als Erstes Wikipedia zu konsultieren. Das Hören von usbekischem Pop oder das Lesen von Exilliteratur über eine iranische Ölinsel seien keine Spielerei, sondern eine Methode, um die Dynamik und kulturelle Vielschichtigkeit von Gesellschaften zu erfassen, die in der Nachrichtenberichterstattung sonst auf Konflikte reduziert würden.
- Eigene Vorurteile mit System bekämpfen Mithilfe einer selbst gebauten Excel-Tabelle kontrolliere Jaff, welche Länder sie wie oft erwähnt und welche sie übersehe. Diese systematische Erfassung offenbare einen eigenen Fokus auf bevölkerungsreiche Staaten wie China oder Nigeria, führe aber auch zu der bewussten Entscheidung, vernachlässigte Krisenherde wie den Sudan und den Kongo oder einseitig dargestellte Länder wie China stärker in den Fokus zu rücken.
- Journalismus als einladender, schamfreier Service Ihr Newsletter sei bewusst in einfachem Englisch gehalten und spreche die Leser:innen auf "kumpelige" Weise an. Jaff sehe es als zentrale journalistische Aufgabe, die Welt erklärbar und zugänglich zu machen, ohne dass Menschen sich für Wissenslücken schämen müssten. Die hohen Abonnent:innenzahlen und das direkte Leser:innen-Feedback werteten sie als Beweis, dass ein großes Bedürfnis nach einer solchen angstfreien globalen Einordnung bestehe.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der präzisen Darlegung einer journalistischen Haltung, die Theorie und Praxis verbindet. Sham Jaff liefert kein abstraktes Plädoyer für mehr Diversität, sondern macht ihre Methoden konkret und nachvollziehbar: die Excel-Tabelle zur Überprüfung eigener Themenvorlieben, der Fokus auf menschenzentrierte Geschichten, der bewusste Verzicht auf einen belehrenden Ton. Dadurch wird die oft geforderte multiperspektivische Berichterstattung als eine erlernbare handwerkliche Disziplin greifbar. Das Gespräch schafft zudem eine angenehme Atmosphäre, in der die Gastgeberin ihre eigene Verunsicherung (etwa nach ihrer Ghana-Reise) reflektiert und so die Notwendigkeit eines neuen Blicks glaubhaft macht. Die Ausführungen zum Feedback der Leser:innen belegen überzeugend, dass das Publikum sehr wohl nach Nuancen und abseitigen Themen sucht – wenn es sie entsprechend serviert bekommt.
Kritisch anzumerken ist, dass der Erfolg von "What happened last week" stark an die individuelle Persönlichkeit und das hyper-nerdige Interesse seiner Autorin gekoppelt scheint. Die Ansätze von Jaff sind eine überzeugende Antwort auf das Problem, aber die systemischen Hürden in Redaktionen – Zeitdruck, Budgetfragen, feste Korrespondent:innen-Netzwerke – werden zwar benannt, ihre Überwindung jedoch nicht weiter vertieft. Die Erkenntnis, dass ihre Arbeit ein schöner und ein trauriger Moment zugleich sei, bleibt so im Raum stehen. Zudem wird die essentielle Voraussetzung ihrer Recherche, die Verfügbarkeit von Quellen in Sprachen, die sie beherrscht, nur kurz gestreift. Die Methode stößt dort an Grenzen, wo Wissen nicht in Englisch, Deutsch oder Kurdisch vorliegt, ohne dass diese fundamentale Einschränkung für einen wirklich globalen Journalismus problematisiert wird.
Hörempfehlung: Eine inspirierende Folge für alle, die sich nach Differenzierung in der Weltberichterstattung sehnen – mit handfesten Beispielen, wie guter Journalismus auch abseits großer Budgets funktionieren kann.
Sprecher:innen
- Sham Jaff – Journalistin und Autorin des Newsletters "What happened last week"
- Annika Schneider – Redakteurin bei Übermedien und Host von "Nice und Nötig"