Stefan Niggemeier, Gründer von BildBlog und Mitgründer von Übermedien, spricht mit Wolfgang Heim über die Möglichkeiten und Grenzen von Medienkritik. Das Gespräch kreist um die Frage, wie Journalismus mit Fehlern umgeht, warum öffentlich-rechtliche Sender trotz aller Kritik ein wertvolles Modell bleiben und welche Rolle Empörungsportale wie Nius im heutigen Mediengefüge spielen. Als selbstverständlich vorausgesetzt wird dabei, dass unabhängiger Journalismus ein zentraler Pfeiler der Demokratie sei und seine Finanzierung idealerweise ohne Werbekunden oder staatliche Abhängigkeiten auskommen müsse. Die Diskussion bewegt sich im Rahmen einer professionellen Selbstreflexion – Kritik an den eigenen Reihen wird geübt, grundlegende Strukturen des Medienbetriebs werden hingegen kaum angetastet.
Zentrale Punkte
- Medienkritik mit wenig Einfluss Niggemeier schätze seinen Einfluss als Medienjournalist als gering ein, auch wenn er eine hohe Reichweite besitze. Dass seine Kritik unmittelbare Konsequenzen habe, sei die große Ausnahme; meistens erfahre er nicht, ob sie in Redaktionen überhaupt aufgegriffen werde. Wirkung zeige sich allenfalls darin, dass Argumente übernommen oder intern diskutiert würden.
- BildBlog als Archiv gegen Abschreiben BildBlog sei 2004 mit dem Ziel gestartet, täglich zu dokumentieren, wie die Bild-Zeitung arbeite, und so ein Argumentationsarchiv für jene zu schaffen, die vor unkritischem Abschreiben warnen wollten. Die Erwartung sei nie gewesen, Bild abzuschaffen, sondern die Wahrnehmung des Blattes bei anderen Journalist:innen zu verändern – ein Ziel, das aus seiner Sicht zumindest zeitweise erreicht worden sei.
- Glaubwürdigkeitsverlust durch Unübersichtlichkeit Den Vertrauensverlust etablierter Medien erklärt Niggemeier mit einer unübersichtlichen Medienwelt: Einerseits könnten Nutzer:innen durch alternative Quellen merken, dass auch seriöse Zeitungen Fehler machten; andererseits fielen viele auf Falschinformationen herein. Beides schade dem Ansehen der Traditionshäuser. In der Pandemie hätten viele Medien zu lange als „Sprachrohr der Regierung“ fungiert und zu spät kritische Fragen gestellt, was Kritiker:innen – auch den unseriösen – in die Hände gespielt habe.
- Nius als Ideologieprojekt mit Empörungswährung Das Portal Nius charakterisiert Niggemeier als Produktionsstätte täglicher Wut, bei der nicht Gewinnstreben, sondern die Verbreitung von Ideologie im Vordergrund stehe. Finanziert von einem Milliardär, sei es ein auf Empörung ausgerichtetes Projekt, das jeden Tag neuen Zorn auf vermeintlich linke Eliten schüre – unabhängig davon, ob es wirtschaftlich erfolgreich sei.
Einordnung
Das Gespräch gewährt einen aufschlussreichen Einblick in das Selbstverständnis eines prominenten Medienkritikers. Niggemeier argumentiert differenziert und selbstreflektiert: Er benennt die Schwächen der eigenen Zunft während der Pandemie, räumt Fehleinschätzungen etwa in der Ukraine-Berichterstattung 2014 ein und besteht dennoch darauf, dass die Funktion des Journalismus, Missstände offenzulegen, nicht wahltaktisch relativiert werden dürfe. Diese Mischung aus Selbstkritik und klarer Haltung verleiht der Episode Tiefe jenseits bloßer Branchenverteidigung.
Zugleich verbleibt die Diskussion im Rahmen etablierter Medienlogik. Wenn Niggemeier etwa das Publikum dafür mitverantwortlich macht, dass personalisierte Empörung mehr geklickt werde als differenzierte Analyse, werden die strukturellen Anreize, die genau dieses Verhalten befeuern – algorithmische Verstärkung, wirtschaftlicher Druck auf Redaktionen – nur gestreift. Auch die Frage, wie die AfD gezielt den Vorwurf der „Lügenpresse“ nutzt, um Medienkritik für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, wird zwar kurz erwähnt, aber nicht tiefer beleuchtet. Hier bleibt ein politisches Spannungsfeld unausgeleuchtet, das über das bilanzierende „es gibt berechtigte und unberechtigte Kritik“ hinausginge. Ein Satz illustriert dabei Niggemeiers pragmatischen Blick auf die eigene Disziplin: „Also ich glaube, es ist falsch, wenn man Journalismus zu sehr betrachtet als irgendwas, was tatsächlich eine unmittelbare Konsequenz hat.“
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die verstehen wollen, wie ein erfahrener Medienkritiker das Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag, publizistischer Unabhängigkeit und populistischer Empörungsindustrie vermisst – mit ausreichend Selbstironie und ohne Branchenarroganz.
Sprecher:innen
- Stefan Niggemeier – Medienjournalist, Gründer von BildBlog und Übermedien, Autor für die SZ
- Wolfgang Heim – Gastgeber, langjähriger Moderator beim SWR