Wie kann eine Gesellschaft zusehen, ohne aufzuschreien? Die Folge knüpft an genau diese beunruhigende Frage an. Die Rechtsanwältin Christina Clemm, die im Gespräch als feministische Expertin spricht, vertrete die These, dass Gewalt gegen Frauen nicht primär als Problem der Opfer, sondern als eines der Täter:innen gedacht werden müsse. Die Aufarbeitung im Podcast setze den Fokus auf Aufklärung über die institutionellen Hürden und die alltäglichen Mechanismen, die geschlechtsspezifische Gewalt ermöglichen. Als beunruhigender Normalzustand werde beschrieben, dass selbst extreme Gewalttaten wie Femizide in Deutschland kaum noch gesellschaftliche oder politische Bewegung auslösten. Betroffene Frauen hätten zudem keine starke Lobby, was ihre prekäre Situation als strukturell verankert erscheinen lasse.

Zentrale Punkte

  • Femizide ohne Empörung In anderen Ländern hätten Femizide oft eine politische Lawine ausgelöst, in Deutschland hingegen blieben sie folgenlos. Es fehle an einer wirksamen Lobby für betroffene Frauen, was Clemm auf eine Kultur zurückführe, in der Betroffene nicht als Expertinnen ihrer eigenen Situation anerkannt würden.
  • Täter:innen im Fokus Das Problem der Gewalt werde fälschlicherweise bei den Opfern verortet. Stattdessen müsse über Täterstrategien gesprochen werden, mit denen Frauen in gewalttätige Beziehungen gebracht und darin gehalten würden. Dieses Kontrollverhalten juristisch und gesellschaftlich zu benennen, sei eine Kernforderung.
  • Die unsichtbare Lobby Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt hätten eine „relativ schlechte Lobby“. Die Erfahrungen der Mandantinnen würden gesellschaftlich abgewertet, anstatt ihre Wut und ihr Wissen als Grundlage für dringend notwendige politische Veränderungen zu nutzen.
  • Juristische Blindstellen Die Diskussion lege nahe, dass das Rechtssystem strukturell versage, etwa wenn es darum gehe, die Dynamiken von Gewaltbeziehungen zu verstehen und den Schutz der Betroffenen wirksam zu gewährleisten.

Einordnung

Die Episode zeichnet sich durch einen radikalen Perspektivwechsel aus, der den Diskurs über häusliche Gewalt von der Frage nach der Flucht der Opfer auf das Handeln der Täter verschiebt. Indem Clemm auf die Entpolitisierung von Femiziden hinweist, benennt sie eine konkrete diskursive Leerstelle: Während in anderen gesellschaftlichen Krisen öffentliche Empörung als Motor für Veränderung gelte, scheine sie bei Gewalt gegen Frauen systematisch auszubleiben. Die journalistische Stärke liegt darin, das Alltagswissen einer Praktikerin als Gegenerzählung zu etablieren und Betroffene als Subjekte mit eigener Deutungsmacht zu positionieren.

Allerdings bleibt die Tiefe der juristischen und politischen Analyse schwer fassbar, da das Gespräch als reines Audioformat ohne Verschriftlichung aller zentralen Argumente im Transkript vorliegt. Die Rahmung setzt einen breiten gesellschaftlichen Konsens über das „Scheitern" des Systems voraus, ohne detailliert zu entfalten, auf welche konkreten politischen Blockaden oder Gesetzeslücken sie sich bezieht. Die Zurückstellung institutioneller Logiken zugunsten der subjektiven Betroffenenperspektive ist politisch klar verortet, ersetzt aber keine strukturelle Analyse der dahinterstehenden Machtverhältnisse.

Hörempfehlung: Lohnt sich für alle, die verstehen wollen, warum rechtliche Mittel gegen Partnergewalt so oft ins Leere laufen und wie eine feministische Perspektive den Blick auf das Rechtssystem grundlegend ändern kann.

Sprecher:innen

  • Christina Clemm – Rechtsanwältin und Autorin, Expertin für geschlechtsspezifische Gewalt und feministische Rechtspolitik
  • Inken Behrmann – Gastgeberin des Podcasts „Was tun?“, Redakteurin
  • Valentin Ihßen – Gastgeber des Podcasts „Was tun?“, Redakteur