Der Vortrag "The Artist Is Online. Über gescheiterte Utopien und mögliche Zukünfte" von Anika Meier auf der re:publica 26 beleuchtet Handlungsspielräume von Künstler:innen im digitalen Raum. Meier, eine auf digitale Kunst spezialisierte Kuratorin und Autorin, hinterfragt die gescheiterten Versprechen von Internet-Demokratisierung und NFT-Utopien und stellt konkrete Strategien zeitgenössischer Künstler:innen vor, die zwischen Provokation, Institutionskritik und Rückzug oszillieren.

Künstler:innen bräuchten Institutionen nicht mehr – das sei die eigentliche Disruption

Der anonyme Künstler Schloms hätte mit einem viralen Social-Media-Stunt, bei dem er ein echtes Monet-Gemälde als KI-generiert ausgab, 42.000 US-Dollar durch einen NFT-Verkauf erzielt. Er benötige dafür "keine Galerie, er kann das einfach vom Schreibtisch aus machen". Meier zufolge sage er: "I don't need the museum." Diese Unabhängigkeit mache Institutionen nervös.

Der Appell "start building" bleibe oft eine leere Worthülse

Meier kritisiert, dass selbst prominente KI-Kritiker:innen wie Hito Steyerl nach ausführlicher Technologiekritik nur mit "start building stacks" endeten. Auf Nachfragen des verzweifelten Publikums, was konkret zu tun sei, gäbe es keine Antwort. Sie stellt dem bewusst subversive, konkrete Handlungsoptionen von Künstler:innen entgegen.

Provokation sei ein bewährtes, aber nun digital erweitertes künstlerisches Mittel

Von Maurizio Cattelans Banane über Amalia Ulmans Instagram-Performance bis zu Beeple – Provokation sei "inhärent zur Kunst". Wichtig sei ein einfacher Zugang: "Banane an die Wand getackert, der Diamantenschädel von Damien Hirst, die Roboterhunde und dann kann etwas Tieferes stecken." Ein One-Liner sei essenziell, um im Internet viral zu gehen.

Beeple in der Neuen Nationalgalerie zeige einen neuen Künstler:innentypus – präsent und erklärend

Beeple sei während seiner Ausstellung mit Roboterhunden täglich von 10 bis 18 Uhr vor Ort gewesen, um Besucher:innen seine Kunst zu erklären. "Sag mir einen Künstler, der sonst eine Ausstellung in der neuen Nationalgalerie hat und wirklich von morgens [...] bis abends da bleibt", so Meier. Sogar Beeple’s Vater habe Flyer verteilt – ein Verhalten, das sie bei jemandem wie Maurizio Cattelan für undenkbar hält.

Cyberfeminismus biete mit "eigenen Räumen" eine Alternative zum vagen "start building"

Die Künstlerin Julianne Pierce vom Kollektiv VNS Matrix, das den Begriff Cyberfeminismus mitprägte, sehe entgegen Meiers Erwartungen den aktuellen Kunstmarkt nicht nur kritisch. Pierce plädiere dafür, "sich jetzt wieder eigene Räume im Internet zu schaffen oder zumindest Wege findet und Strategien, die können auch subversiv sein, um sich zu behaupten."

Künstler Mario Klingemann verfolge mit "reizlosen Bildern" einen radikalen Rückzug aus der Aufmerksamkeitsökonomie

Als Reaktion auf KI-Bildgeneratoren, die "plötzlich jeder" nutzen könne, analysiere Klingemann hunderttausende gescannte Flohmarkt-Dias und suche nach Mustern jenseits von Spektakel. Er stelle diese "reizlosen Bilder" bewusst nicht ins Internet, "weil er damit keine KI trainieren möchte" – eine physische Arbeitsweise als Akt der Verweigerung.