Das Gespräch zwischen Paul Krugman und G. Elliott Morris kreist um die tiefe Schieflage der US-amerikanischen Wahlinstitutionen und eine rätselhafte öffentliche Stimmung. Morris, der als präziser Datenanalyst spricht, zeichnet ein düsteres Bild: Nachdem der Supreme Court faktisch Abschnitt 2 des Stimmrechtsgesetzes ausgehebelt hat, haben republikanisch geführte Staaten im Süden und anderswo ihre Wahlkreise so neu gezogen, dass den Demokrat:innen mindestens sechs sichere oder aussichtsreiche Sitze im Repräsentantenhaus weggenommen wurden. „Die Republikaner haben sich in den Gerrymandering-Kriegen, die Donald Trump letztes Jahr begonnen hat, einen Vorteil von etwa sechs Sitzen verschafft“, fasst Morris zusammen. Allein durch diese Neueinteilung ist ein struktureller Vorteil von rund vier Prozentpunkten für die Republikaner entstanden, ähnlich gravierend wie nach der Wahl 2010.

Dennoch behalten beide Gesprächspartner eine sardonische Hoffnung: „Solange die Demokrat:innen den popular vote mit vier Punkten Vorsprung gewinnen, holen sie das Repräsentantenhaus trotzdem zurück“, sagt Morris. Das Problem: Eine solche Welle überdeckt nur die institutionelle Verzerrung; ist die Wahl knapper, etwa 2028, könnte die Minderheit der Wähler:innen die Mehrheit der Sitze vergeben – ein Szenario mit erheblichem Schaden für die demokratische Legitimität. Krugmans Frage, ob die Republikaner sich bei der Jagd nach Zufluchtsbezirken für Latinos im Süden selbst eine „Dummy-Mander“ gebaut haben, weist Morris ab: Selbst bei einer starken Latino-Wahlbewegung zu den Demokrat:innen würden die Republikaner in Texas unterm Strich Sitze hinzugewinnen.

Das zweite große Thema ist die desolate Zustimmung für Donald Trump und die anhaltende „Vibecession“. Morris verortet Trumps Zuspruch bei Preisen und Zöllen bei nur noch rund 30 Prozent; die Zustimmung zur Arbeit der Regierung sei auf einem historischen Tiefpunkt, doch das habe kaum disziplinierende Wirkung. Trump reagiere auf Umfragen nur, wenn sie seinem Narzissmus schmeicheln, und die Republikaner im Kongress seien von der Basis isoliert.

Spannend wird das Gespräch bei der ökonomischen Psychologie der Wähler:innen. Morris spricht von einer neuen, zweiten Phase der Vibecession seit Ende 2024, die sich mit keinem rein wirtschaftsmathematischen Modell vollständig erklären lässt. Selbst wenn man die Verärgerung über das gestiegene Preisniveau durch einen „Überschuss-Inflationsindex“ auffängt, bleibt ein unerklärter Pessimismus übrig, der mit dem Amtsantritt Trumps einsetzt. Morris spekuliert, es könnte eine verstärkte Sensibilisierung für inflationstreibende Politik oder der chaotische Charakter der Präsidentschaft selbst sein, der auf die Verbraucherstimmung durchschlägt.

Einordnung

Die Perspektive ist durchgängig die zweier linksliberaler Intellektueller aus dem akademisch-ökonomischen Milieu. Krugman und Morris teilen unhinterfragt die Prämisse, dass demokratische Mehrheitsverhältnisse fair und republikanisches Distriktmanagement illegitim seien. Die Diskussion über Gerrymandering verengt sich auf die Benachteiligung demokratisch Identifizierter und blendet aus, dass Wahlkreisanpassungen auch aus Gründen der geografischen Repräsentation oder der Einhaltung anderer Verfassungsprinzipien legitimiert werden. Im Ton ist das Gespräch sachlich, aber das Framing – Republikaner „schummeln“ – deutet auf eine aktivistische Zielrichtung, die progressive Politik mobilisieren will. Strukturell normalisiert es das Narrativ einer existenziellen Bedrohung der Demokratie durch konservative Kräfte, ohne nennenswerte Gegenstimmen einzubinden.

Sachlich wertvoll ist das Gespräch, weil es mit Daten, nicht mit groben Thesen operiert, und weil Morris seine Methodik transparent macht. Die Leseempfehlung gilt politisch informierten Menschen, die verstehen wollen, wie tief die mathematischen Spielregeln der Macht in den USA heute von institutionellen Entscheidungen durchdrungen sind. Wer eine rein neutrale Bestandsaufnahme sucht, wird die normativen Untertöne bemerken müssen.