Der isländische Kulturpodcast "Víðsjá" widmet sich in dieser Folge zwei künstlerischen Projekten: dem 24-stündigen Performance-Gjörningur "17 eldar" des Künstlers Jakob Veigar Sigurðsson unter der Skeiðarárbrú sowie der Ausstellung "Corpus" im Gerðarsafn, kuratiert von Daría Sól Andrews. Jakob Veigar erzählt, wie er die ehemalige Gletscherlandschaft seiner Kindheit mit einem Kreis aus 17 Feuern wach halten musste, um die Erinnerung an die verschwundene Skeiðaró und die Ausdauer seiner Vorfahren zu ehren. Daría Sól führt durch die Ausstellung, die den Körper als Schnittstelle von Rasse, Geschlecht und Umwelt erforscht – mit Arbeiten von Jeanette Ehlers, Salad Hilowle, Sunneva Ása Weisshappel und anderen. Die Sendung schließt mit einem Essay des Architekten Óskar Arnórsson über Architektur und Menschlichkeit. ### 1. Der Gjörningur als lebendige Erinnerung Jakob Veigar habe die Performance als "Wachkuss" für die verschwundene Skeiðaró inszeniert: "Ich sah es vor mir und es musste geschehen." Die 17 Feuer zwischen den Brückenpfeilern stünden für die 17 Generationen, die dort gelebt hätten. Nach 24 Stunden und bis zu 80 Kilometern zu Fuß sei er erschöpft, aber erfüllt gewesen. ### 2. Körper als politischer Ort Die Ausstellung "Corpus" behandle den Körper nicht als festes Objekt, sondern als "lebendige Form, die immer in Beziehung zu anderen Wesen, Kultur und Umwelt steht", so Kuratorin Daría Sól. Besonders die Erfahrung des Schwarzen Körpers und die Frage, was es bedeute, in einem solchen zu leben, sei zentral. ### 3. Intergenerationelle Verbundenheit als künstlerisches Material Sunneva Ása Weisshappel nutzt in ihrer Serie "Vensl" Polaroids, die sie gemeinsam mit Familienmitgliedern – vom 80-jährigen Großvater bis zur einjährigen Tochter – beim Heben eines schweren Steins zeigt: "Es ist ein gemeinsamer Akt, die Beziehung zu halten – manchmal ist das sehr schwer." ### 4. Künstlerische Transformation von Biografie Jakob Veigar, ehemaliger Bauingenieur, habe sich nach Jahren in Wien und als Maler bewusst für eine körperlich anstrengende Performance entschieden: "Ich habe 15–20 Jahre keine körperliche Arbeit mehr gemacht. Jetzt habe ich Schwielen und Brandblasen – und ich will sie behalten." ### 5. Dekonstruktion westlicher Kanons Salad Hilowle setze in "Black Portrait of Francis Bacon" seine somalisch-schwedische Identität mit der westlichen Kunstgeschichte in Dialog: "Ich sample, ich setze Juxtaposition – Francis Bacon, aber meine Version." ### 6. Architektur als Spiegel menschlicher Entwicklung Óskar Arnórsson frage in seinem Essay: "Was unterscheidet uns von Tieren, wenn es um Architektur geht?" und spüre, wie sich das isländische Küchenzimmer vom abgelegenen Norden ins Herz des Hauses verlagert habe – begleitet von Sushi und Dominos Pizza. ## Einordnung Die Folge besticht durch ihre ruhige, fast meditative Erzählweise. Die Moderatorinnen Halla und Melkorka geben den Künstler:innen viel Raum, ihre Arbeiten in langen, ungesteuerten Passagen zu erklären – ein Stil, der eher dem persönlichen Gespräch als dem klassischen Interview entspricht. Die Sendung verzichtet bewusst auf schnelle Pointen oder dramaturgische Höhepunkte; stattdessen entfaltet sich eine fast dokumentarische Ruhe, die den Hörer:innen Zeit gibt, die beschriebenen Bilder und Gedanken nachzuvollziehen. Die Auswahl der Gäste ist vielfältig und international, doch bleibt der Fokus stets auf der persönlichen Erfahrung und der künstlerischen Intention. Kritisch anzumerken ist, dass die Moderation kaum nachfragt oder kontextualisiert – wer tiefergehende Analysen oder gesellschaftspolitische Einordnungen erwartet, wird enttäuscht. Die Folge ist ein stilles Plädoyer für Langsamkeit, Erinnerung und künstlerische Hingabe – und genau das macht sie in ihrer Konsequenz überzeugend. Hörempfehlung: Wer sich für zeitgenössische isländische Kunst, performative Erinnerungsarbeit und ruhige, fast meditative Podcastformate interessiert, wird hier fündig – vorausgesetzt, man bringt Geduld für lange, ungesteuerte Erzählflüsse mit.