In dieser Rückschau vom 31. Juli 2024 diskutieren Scott R. Anderson (Lawfare) und Steven Cook (Council on Foreign Relations) Cooks Buch "The End of Ambition". Cook argumentiert, US-Politik im Nahen Osten sei während des Kalten Krieges erfolgreicher gewesen, weil sie sich auf Kerninteressen (Öl, Israels Sicherheit, regionale Vorherrschaft) beschränkte. Seit 1991 habe Washington versucht, die Region zu transformieren – mit katastrophalen Ergebnissen. Er plädiert für "prudential conservatism": begrenzte Ziele statt Demokratisierung, Ressourcenbindung an echte Interessen, Akzeptanz von Autokratien als Partner. Besonders brisant: Cook warnt vor israelischen Siedlungen im Gazastreifen und fordert US-Maßnahmen dagegen, da dies die gesamte regionale Strategie gefährden würde. Die Diskussion zeigt die Spannung zwischen US-Werten und Interessen auf - Cook argumentiert für klare Priorisierung strategischer Interessen auch gegenüber Menschenrechtsfragen.

Die Kalte-Krieg-Formel war effektiver

Cook stellt fest, dass die USA von 1945-1991 ihre Kerninteressen erfolgreich schützten: "The oil flowed. We helped Israel's security. And the United States remained the dominant power in the region." Der Fokus auf Ölsicherheit und Stabilität habe funktioniert, während spätere Transformationsversuche scheiterten.

Transformationsprojekte scheiterten systematisch

Seit 1991 habe Washington versucht, die Region zu transformieren - von Clintons Friedensprozess über Bushs Demokratisierungsagenda bis zu Obamas JCPOA. Cook bilanziert: "Our return on the investment in all of those things is zero, less than zero." Die USA hätten Menschenleben und Ressourcen verschwendet.

Menschenrechte müssen strategischen Interessen weichen

Cook argumentiert offen für Realpolitik: "Our interests don't allow us to... try to transform these societies." Eine demokratische Saudi-Arabien oder Ägypten sei nicht im US-Interesse, da anti-amerikanische Kräfte stärker würden. Menschenrechtskritik verschärfe nur die Kooperation mit China und Russland.

Gefahr israelischer Siedlungen im Gazastreifen

Cook warnt vor einem Szenario, das "everything that we want to do in the region... would be blown up": israelische Wiedergewinnung des Gazastreifens. Dies sei realistischer als angenommen und erfordere "actual ethnic cleansing". Die USA müssten dies aktiv verhindern.

Klimawandel als Sicherheitsrisiko

Cook identifiziert Klimafolgen als neue US-Interessen: "help people adapt to high heat and water scarcity" - nicht aus Altruismus, sondern um Migrationsströme zu verhindern, die die "stability, prosperity, and unity of Europe" gefährden.

Sechs konkrete US-Interessen

Cook definiert künftige US-Prioritäten: Energiesicherheit (auch bei Energiewende), Israelsicherheit (aber normalisiert statt endloser Hilfe), Counterterrorism, Nichtverbreitung (auch saudisches Atomprogramm sichern), Klimaanpassung und geopolitische Konkurrenz mit China/Russland.

Einordnung

Diese Lawfare-Episode zeigt die typische Stärke des Formats: sachliche, tiefgreifende Expertengespräche ohne Polemik. Cook präsentiert eine nüchterne, wenn auch moralisch problematische Realpolitik-Analyse, die US-Interessen klar priorisiert. Die Diskussion bleibt auf akademischem Niveau, vermeidet populistische Vereinfachungen und bietet differenzierte historische Einordnungen. Kritikwürdig ist jedoch die fast vollständige Ausblendung palästinensischer Perspektiven - die Debatte bleibt US-zentriert. Cook relativiert zwar US-Menschenrechtsverletzungen, tut dies aber transparent und argumentativ nachvollziehbar. Die Episode liefert wertvolle Einblicke in realistische US-Außenpolitik-Denken, auch wenn die normativen Implikationen beunruhigend sind.