In diesem Gespräch schält Jana Puglierin die Schichten eines vermeintlich klaren Auftrags heraus: Europa müsse sich verteidigen. Schnell wird deutlich, dass militärische Fähigkeiten nur die Oberfläche eines viel tieferen politischen Dilemmas sind. Puglierin beschreibt Deutschland als Projektionsfläche widersprüchlicher Erwartungen: Die Nachbar:innen bräuchten das bevölkerungsreichste Land als Schutzmacht, fürchteten aber gleichzeitig ein wirtschaftlich übermächtiges Deutschland, das europäische Partner an den Rand drängt. Verteidigung werde dabei stets als Reaktion auf äußere Bedrohung dargestellt, nicht als aktiv gewählter Politikansatz – eine Abgrenzung zur als militaristisch verstandenen „Kriegstüchtigkeit", die in der Bevölkerung Misstrauen wecke. Als selbstverständlich gesetzt wird, dass die USA als Schutzmacht erodieren und dass daraus für Deutschland fast automatisch die Pflicht zu mehr Führung erwächst – eine Erwartung, die im Gespräch kaum auf ihre innere Logik befragt wird.

Zentrale Punkte

  • Verteidigung ist mehr als Militär Puglierin bestehe darauf, dass Verteidigungsfähigkeit nicht mit Aufrüstung gleichzusetzen sei. Hybride Bedrohungen wie Desinformation und Sabotage erforderten eine „gesamtgesellschaftliche" Resilienz: Bevölkerung müsse lernen, Propaganda zu erkennen. Die Bundeswehr sei nur ein Teil einer umfassenden Sicherheitspolitik, die auch nicht-militärische Instrumente und zivile Krisenprävention einschließe.
  • Deutschland im Erwartungsdilemma Deutschland werde vom europäischen Umfeld als zentraler Stabilitätsanker gesehen, gerade weil andere Mächte politisch und finanziell geschwächt seien. Doch aus dieser Erwartung erwachse nicht nur Hoffnung, sondern auch Misstrauen: Vor allem Frankreich und Polen fürchteten eine rein nationale Wirtschaftsförderung unter dem Deckmantel europäischer Sicherheit und sähen darin einen drohenden deutschen Dominanzanspruch.
  • Nukleare Abschreckung bleibt das ungelöste Problem Im Bereich der Atomwaffen existiere für Europa keine Alternative zu den USA, obwohl deren Verlässlichkeit schwinde. Puglierin sehe kurzfristig zwar Chancen in Gesprächen mit Frankreich und Großbritannien über eine erweiterte Abschreckung, halte aber eine eigenständige EU-Nuklearbombe für absurd. Sollte der US-Schutz erodieren, drohe jedoch ein Wettlauf mehrerer Staaten nach eigenen Atomwaffen – für Puglierin das „allerschwerste" Problem.
  • Sicherheit braucht Partner im Globalen Süden Puglierin plädiere für ein Umdenken im Umgang mit Staaten außerhalb des Westens. Diese verspürten weniger Trauer über das Ende der alten Ordnung, da sie nie gleichberechtigt daran teilgehabt hätten. Europa müsse Akteure wie Indien als Gestaltungspartner sehen, statt mit einem „Koffer voller Moral" aufzutreten – und dürfe über der militärischen Aufrüstung nicht die zivile Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigen.

Einordnung

Das Gespräch ist von hohem Informationswert, weil hier eine ausgewiesene Expertin Sicherheitspolitik nicht als Wunschkonzert, sondern als dichtes Geflecht von Abhängigkeiten und Ängsten beschreibt. Puglierin differenziert sorgfältig zwischen defensiver Verteidigung und offensiver Militarisierung und macht den schalen Nachgeschmack vieler neuer sicherheitspolitischer Begriffe („Kriegstüchtigkeit") verständlich, ohne sie pauschal abzulehnen. Bemerkenswert ist ihr Beharren darauf, Deutschland als „Möglichmacherin" europäischer Zusammenarbeit zu denken, statt auf nationale Alleingänge zu setzen – ein wohltuender Kontrapunkt zu einer oft beschworenen „Stärke", die selten definiert wird.

Was im flüssigen Gespräch unter den Tisch fällt, ist die unhinterfragte Prämisse, dass Deutschlands wirtschaftliche Stärke quasi naturgegeben eine Führungsrolle mit sich bringe. Die Vorstellung, dass Länder des Baltikums oder Skandinaviens sich an Deutschland „hängen" wollen, setzt ein Machtgefälle als Normalzustand, über das die Betroffenen selbst nicht zu Wort kommen. Auch wenn Puglierin die Sorgen des Globalen Südens ernst nimmt, bleibt deren Perspektive eine Projektion aus Berliner Denkfabriken. Dass die Bundesregierung im Gespräch vor allem als Zögerliche erscheint, die ihre „Last" der EU-Initiativen nur schlecht verberge („als ob das quasi eine Last ist"), wird mit einem fast freundschaftlichen Kopfschütteln quittiert – eine scharfe Analyse struktureller Blockaden bleibt aus.

Hörempfehlung: Für alle, die verstehen wollen, warum Deutschlands Sicherheitsdebatte im europäischen Ausland so anders klingt als zu Hause, und die einen klugen, abgewogenen Kompass in aufgeheizten Zeiten suchen.

Sprecher:innen

  • Dr. Jana Puglierin – Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, Autorin
  • Jan Philipp Albrecht – Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung
  • Dr. Imme Scholz – Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung