Ken Liu, Autor des „Dandelion Dynasty"-Zyklus und Übersetzer des „Dao De Jing", spricht mit Jordan Schneider und Irene Zhang über sein neues Buch „All That We See or Seem". Das Gespräch kreist um eine grundlegende Annahme: Technologie sei keine äußere Bedrohung, sondern der zutiefst menschliche Drang, mentale Konstrukte in der Welt zu materialisieren. Menschen hätten dies schon immer getan – durch Bücher, Maschinen, Sprache. Diese Schöpfungen veränderten dann wiederum, wer wir sind. Liu betrachtet aktuelle KI-Entwicklungen nicht als Bruch, sondern als Fortsetzung dieses Musters. Er argumentiert, dass viele der gegenwärtigen Ängste vor KI auf einem Missverständnis beruhten – die eigentliche Gefahr liege nicht in intelligenten Maschinen, sondern in Systemen, die Menschen lehrten, sich wie Maschinen zu verhalten.
Zentrale Punkte
- Externalisierung des Geistes als menschliche Grunderfahrung Liu beschreibt Programmieren und Denken als Vorgang, bei dem das Gehirn ausgelagert werde – auf Papier, in Maschinen, in große Sprachmodelle. Diese Externalisierung sei kein neues Phänomen, sondern zeige sich historisch in Schrift, Buchdruck und mechanischer Reproduktion. KI sei lediglich die jüngste Manifestation dieses Menschheitsmerkmals.
- KI-Schund und das Fortbestehen menschlicher Kunst Die Furcht vor KI-generierten Inhalten sei historisch unbegründet. Schon die mechanische Reproduktion habe die Welt mit Bildmüll geflutet, ohne echte Kunst zu zerstören. Liu unterscheidet zwischen wunscherfüllenden Maschinen, die persönliche Begierden stillten, und Künstler:innen, die aus dem kollektiven Unbewussten schöpften. Beides könne koexistieren.
- Die wahre Gefahr der KI: Dressur des Menschen Nicht die Ersetzung von Menschen durch Maschinen sei das Problem, sondern die Reduktion von Menschen auf Maschinenteile. Dieser Prozess sei das durchgehende Muster der Moderne – von der Fließbandarbeit bis zum Callcenter. KI werde genutzt, um menschliche Entscheidungsfreiheit zu standardisieren und der kapitalistischen Verwertungslogik zu unterwerfen.
- Science-Fiction als Mythologie, nicht als Prophezeiung Science-Fiction sage nichts zuverlässig voraus, stelle aber wirkmächtige Metaphern bereit. Figuren wie Frankensteins Kreatur oder Orwells Großer Bruder böten keine Blaupausen der Zukunft, sondern Mythen, mit denen sich über Technologie und Macht nachdenken lasse. Ideologien seien für Liu die „billigeren, schlechteren Vettern" dieser echten Mythologien.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen erfrischend entdramatisierten Blick auf KI. Liu verortet aktuelle Entwicklungen in langen kulturgeschichtlichen Bögen und entzieht damit sowohl alarmistischen als auch euphorischen Narrativen den Boden. Seine Unterscheidung zwischen wunscherfüllender KI und schöpferischer Kunst ist präzise und öffnet einen Raum jenseits der üblichen Konkurrenzlogik. Besonders stark ist die historische Kontextualisierung der mechanischen Reproduktion: Die Parallele zwischen den verdrängten Kupferstecher:innen des 19. Jahrhunderts und heutigen Kreativen macht die Debatte konkret, ohne in Larmoyanz zu verfallen.
Was in der Diskussion allerdings konsequent ausgeblendet bleibt, sind die konkreten Macht- und Besitzverhältnisse. Liu spricht über Technologie als quasi anthropologische Konstante, nicht als Produkt von Unternehmen mit spezifischen Profitinteressen. Die Frage, wem die Modelle gehören und wer die Trainingsdaten liefert, wird nur einmal gestreift – in der Figur des Talos, der lokal und souverän betrieben wird. Die systemischen Aspekte algorithmischer Herrschaft, von der Plattformökonomie bis zur Ressourcenausbeutung, bleiben einer individualistischen Perspektive untergeordnet. Dass Liu Ideologien pauschal als „hijacked mythologies" (gekaperte Mythologien) abtut, ist angesichts der politischen Dimension von Technologieentwicklung eine markante Leerstelle. Die daoistische Skepsis gegenüber Sprache, die Liu als Gegenmittel zur großen Sprachmodell-Hybris anbietet, wirkt philosophisch reizvoll, bietet aber keine Antwort auf Fragen von Regulierung, Arbeitskämpfen oder digitaler Souveränität.
Hörempfehlung: Für alle, die jenseits von Alarmismus und Hype über KI nachdenken wollen – Liu bietet eine seltene Mischung aus technologischem Verständnis und philosophischer Tiefe.
Sprecher:innen
- Ken Liu – Autor von „All That We See or Seem", Übersetzer des Dao De Jing und der Three-Body-Problem-Trilogie
- Jordan Schneider – Host von ChinaTalk, Newsletter-Autor zu China und Technologie
- Irene Zhang – Co-Host bei ChinaTalk