In diesem Streitgespräch prallen nicht nur zwei gegensätzliche Interpretationen des Ukraine-Kriegs aufeinander, sondern zwei grundlegend verschiedene Vorstellungen von der Rolle des öffentlichen Wortes im Konflikt. Roger Köppel, der Schweizer Verleger, und Wladimir Solowjow, der russische TV-Moderator, verhandeln mit scharfen Worten, wer die Verantwortung für Eskalation und wer den Schlüssel zum Frieden trägt. Während Köppel die Suche nach Ausgleich und die Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen als Ausweg darstelle, beharre Solowjow auf einem Weltbild, in dem der Westen ein zutiefst korrupter, heuchlerischer und aggressiver Akteur sei, dessen politische Führung keinerlei Legitimität besitze. Beide Gesprächspartner setzen dabei die völlige moralische und politische Verfehlung der Gegenseite implizit voraus und streiten vor allem über die angemessene Tonlage und die Deutungshoheit über historische Traumata.

Zentrale Punkte

  • Sprache als Waffe und Falle Solowjow vertrete die Haltung, dass nur schrille Provokationen in der westlichen Medienlandschaft noch Gehör fänden, und bezeichnete die europäische Führungsriege als "Haufen arschkriechender Idioten". Köppel entgegne, genau diese pauschalen Beleidigungen seien "billige Ziele", die jede sachliche Auseinandersetzung mit den eigentlichen Problemen verhinderten und ihn in die ungewollte Rolle des Verteidigers der EU zwängen.
  • Geteilte historische Traumata, selektive Erinnerung Köppel fordere Verständnis für die osteuropäische Perspektive und die "Traumatisierung durch die Sowjetherrschaft", die den Drang unter den NATO-Schirm erkläre. Solowjow weise dies zurück: Die baltischen Staaten hätten in der Sowjetunion profitiert und seien von Eliten des eigenen Volkes regiert worden. Die Geschichte werde so je nach Bedarf entweder als Anklage oder als Beleg einer gemeinsamen, von Russland dominierten Zivilisation umgedeutet.
  • Der Krieg als Missverständnis oder strategische Notwendigkeit Köppel deute den Ukraine-Krieg als "primären Fehler des Westens", der nach 1990 die Demütigung Russlands betrieben habe, und sehe nun einen Moment der beidseitigen Erschöpfung, der Diplomatie erzwinge. Solowjow widerspreche fundamental: Russland kämpfe nicht gegen die Ukraine, sondern einen existenziellen Verteidigungskrieg gegen ein von privaten Technologiefirmen und Nazi-Anhängern infiltriertes NATO-Regime.

Einordnung

Die Episode ist ein eindrückliches Dokument dafür, wie ein Dialog vollständig scheitern kann, selbst wenn der gemeinsame Wille zum Gespräch deklariert wird. Köppels Stärke liegt im Versuch, das Gespräch durch historische Einordnung und den Hinweis auf eigene Propagandamechanismen zu strukturieren – er benennt offen die "Propaganda" aller Kriegsparteien und stellt fest, Solowjow sei ein "Gefangener seiner eigenen Propaganda". Dies schafft Momente der analytischen Klarheit über die rhetorischen Fallen einer solchen Debatte.

Allerdings bleibt Köppels Einordnung oft selbst in einer naiven Hoffnung stecken. Wenn er an Solowjow appelliert, der doch in einer vergangenen Sendung gesagt habe, Russland sei Europa, und daraus eine "Verantwortung für Europa" ableitet, wird die asymmetrische Situation übersehen: Solowjow nutzt solche Aussagen als taktische Nebelkerzen, nicht als verbindliche Grundlage. Die von Solowjow praktizierte totale Verrohung der Sprache – exemplarisch sichtbar an einer Passage wie über die G7: "Ein Haufen arschkriechender Arschlöcher und nur eine Person mit Hirn" – dient nicht dem Appell, sondern der gezielten Delegitimierung des Gegenübers und der Selbsterhöhung. Kritisch bleibt auch, dass Köppels zentrale Gesprächsstrategie, nämlich die Bitte um Selbstkritik, von Solowjow gekonnt mit dem Hinweis auf interne russische Kritik abperlt, ohne dass Köppel diese vage Antwort hinterfragt. Der faktenreiche Austausch über Geschichte wird so letztlich von der emotionalen Wucht der Beleidigungen komplett überlagert, womit Solowjows eingangs aufgestellte These, nur Provokation bewirke noch etwas, im Verlauf der Sendung selbst performativ bestätigt wird.

Sprecher:innen

  • Roger Köppel – Schweizer Verleger, Chefredaktor der «Weltwoche», im Gespräch als neutraler Patriot positioniert
  • Wladimir Solowjow – Russischer Fernsehmoderator und Propagandist, vertritt die offizielle Kreml-Linie zum Ukraine-Krieg