Kalifornien steht vor einem Urnengang, bei dem sich vieles um Geld dreht: explodierende Strom- und Benzinkosten, unbezahlbare Mieten. In dieses Vakuum stößt der Milliardär und langjährige Klimaaktivist Tom Steyer mit einem Plan, der die etablierte Energie- und Wohnungspolitik des Bundesstaates frontal angreift. Im Gespräch mit David Roberts entwirft er eine Kampfansage an die großen, von Investor:innen geführten Energieversorger, deren Geschäftsmodell er für die Misere verantwortlich macht.

Steyers zentrale These lautet, dass die Energiewende längst billiger sei als der fossile Status quo – man müsse die überholten Regularien nur abschaffen, um den Bürger:innen diese Ersparnis direkt zukommen zu lassen. Die drängendsten Fragen der Gerechtigkeit und des Klimaschutzes rahmt er dabei konsequent als kurzfristige Kostensenkungsprogramme für den Geldbeutel der Wähler:innen. Klima als Begriff kommt bewusst nicht vor, obwohl jedes Politikfeld – vom Netzausbau über den Verkehr bis zum Wohnungsbau – auf eine radikale Dekarbonisierung hinausläuft.

Zentrale Punkte

  • Rendite-Monopole durch Wettbewerb knacken Steyer argumentiert, die privaten Versorger würden aufgrund ihrer garantierten Rendite auf Kapitalausgaben das Netz „vergolden“, statt günstige Sensortechnik zur besseren Auslastung zu nutzen. Er verspricht, die Aufsichtsbehörde neu zu besetzen und lokalen Stromwettbewerb zuzulassen, um die Preise zu senken.
  • Bezahlbares Wohnen als Klimapolitik verpacken Der Kandidat sieht das Wohnungsproblem als eines von zu niedriger Verdichtung und zu hohen Baukosten. Er wolle eine Million Wohnungen an Verkehrsknotenpunkten bauen, vorgefertigte Industriemodule fördern und durch die Schließung einer Gewerbeimmobilien-Steuerlücke die Kommunen für die notwendige Infrastruktur entschädigen.
  • Ablösung vom Öl als Preisfrage inszenieren Die hohen Spritpreise führt Steyer auf den von ihm so genannten gescheiterten Iran-Krieg und Profite der Ölindustrie zurück. Kurzfristig fordert er eine Übergewinnsteuer für Ölfirmen, langfristig eine Verdreifachung der Kaufprämie für E-Autos, um die Menschen vom unkalkulierbaren Ölmarkt zu entkoppeln.
  • Klima-Kommunikation ohne das Wort „Klima“ Steyer erklärt offen, dass er das Wort „Klima“ im Wahlkampf bewusst vermeide, weil Menschen mit akuten Geldsorgen nicht mit langfristigen Bedrohungen zu erreichen seien. Stattdessen verpackt er jede Dekarbonisierungsmaßnahme ausschließlich als Frage des unmittelbaren Geldbeutels und von sauberer Luft.

Einordnung

Das Gespräch liefert ein faszinierendes Anschauungsbeispiel dafür, wie sich klimapolitische Agenda-Setting unter dem Druck einer akuten Teuerungskrise taktisch neu erfinden muss. Roberts entlockt Steyer durch präzise, fachlich tiefgehende Nachfragen weit mehr als nur Wahlkampfparolen und zwingt ihn, die Details seiner Pläne beim Netzzugang, den Raffinerien und der Steuerlücke auszubreiten. Diese journalistische Tiefe ist die große Stärke der Episode, weil sie das konkrete Spannungsfeld zwischen revolutionärem Anspruch und regulatorischer Realität sichtbar macht. Steyers Strategie, Klimaschutz konsequent von seinen unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteilen her zu denken und den Begriff selbst zu tilgen, ist in sich schlüssig und zeigt, wie sehr sich die politische Kommunikation verschoben hat.

Allerdings setzt die Darstellung eine fast schon technikoptimistische Prämisse voraus: Dass lokal erzeugter Solarstrom und intelligente Sensorik die Kostenprobleme des Netzes quasi automatisch lösen und die etablierten Versorger nur aus Profitgier blockieren. Die enormen, oft unterschätzten Kosten für die Instandhaltung der „Poles and Wires“, die auch bei lokaler Erzeugung anfallen, werden von Steyer zwar anerkannt, aber mit dem Verweis auf Effizienzsteigerung schnell beiseite gewischt. Zudem erscheint die erhoffte Einnahmequelle aus der Schließung der Gewerbeimmobilien-Steuerlücke als eine Art finanzielle Wunderwaffe, die durch eine einmalige Sonderwahl gehoben werden soll – ein republikanisches und demokratisches Votum dafür ist jedoch nach der gescheiterten Abstimmung von 2020 alles andere als sicher. Roberts hakt hier zwar ein, lässt aber die Frage unbeleuchtet, was passiert, wenn diese zwanzig Milliarden Dollar ausbleiben. Steyers Selbststilisierung als einsamer Kämpfer gegen die „Monopole“ ist effektiv, verdeckt aber, wie er als Gouverneur die komplexen Zuständigkeiten von Legislative und lokaler Verwaltung umgehen will. Ein Zitat bringt Steyers bewusste Kommunikationswende auf den Punkt: „2010 [...] I told everybody on that campaign [...] we’re never using the word climate. If you use the word climate, I’m going to fire you.“

Hörempfehlung: Ein Muss für alle, die verstehen wollen, wie eine progressive Energiepolitik unter radikal veränderten politökonomischen Vorzeichen aussehen kann – und wo ihre größten Fallstricke liegen.

Sprecher:innen

  • David Roberts – Host von Volts, seit fast 20 Jahren Berichterstatter und Analyst für saubere Energietechnologien.
  • Tom Steyer – Milliardär, Investor, langjähriger Klimaaktivist und aussichtsreicher demokratischer Kandidat bei der kalifornischen Gouverneurswahl 2026.