Der Newsletter „Public Notice“ bietet eine beißende Abrechnung mit der Verteidigungspolitik der Trump-Administration. Der Autor Noah Berlatsky nimmt einen Bericht der „Washington Post“ zum Ausgangspunkt, wonach Präsident Trump intern wütend auf Verteidigungsminister Pete Hegseth gewesen sein soll, weil dieser ihn nicht über eine dramatische Munitionsknappheit informiert habe. Öffentlich hingegen lobte Trump Hegseths Arbeit als „außergewöhnlich“ und griff den „Washington Post“-Bericht als Falschmeldung an, während er gleichzeitig nach der strafrechtlichen Verfolgung der „Verräter“ rief, die die Informationen durchsickern ließen.
Der Kern des Textes ist die Analyse dieser Munitionskrise. Berlatsky argumentiert, dass der von Trump begonnene Krieg gegen den Iran die ohnehin angespannten US-Waffenbestände dramatisch leergefegt hat. Er zitiert einen Bericht des Center for Strategic and International Studies (CSIS), wonach die USA mehr als die Hälfte ihrer Vorkriegsbestände an bestimmten Langstrecken- und Luftabwehrraketen verbraucht haben. Reuters berichte sogar, die USA hätten „praktisch alle“ präzisionsgelenkten Langstreckenraketen eingesetzt. Da die Produktion dieser komplexen Waffen Jahre dauert und ein Rekord-Budgetantrag des Pentagons über eine Billion Dollar politisch blockiert sein könnte, sei die Krise nicht kurzfristig lösbar.
Diese Entwicklung habe verheerende strategische Konsequenzen. Die Fähigkeit der USA, iranische Angriffe auf Schiffe oder Israel abzuwehren, sei massiv eingeschränkt worden, was Trumps Eskalationsspielräume einschnüre. Besonders drastisch sei der Effekt für die Ukraine: Weil US-Patriot-Raketen im Iran verschossen würden, fehlten sie nun in der Ukraine, was direkt zu einer sinkenden Abfangquote gegen russische Raketen und steigenden zivilen Opfern führe. Berlatsky zitiert den ukrainischen Präsidenten Selenskyj sowie die Sicherheitsexpertin Elizabeth Saunders mit den Worten, man könne die „Unwirklichkeit dieser Situation nicht überbewerten“.
Für Berlatsky ist dies eine logische Folge von Trumps Regierungsstil: Kein Interesse an Problemlösung, sondern einzig an Imagepflege und der Unterdrückung von Kritik. Hegseth halte sich nur im Amt, weil er ein loyaler Schmeichler sei, der Trump nach dem Mund rede – ungeachtet einer Reihe von Skandalen, die von Geheimnisverrat über Sexismus bis hin zur Vernachlässigung von Soldaten reichten. Die eigentliche Zielscheibe des Newsletters ist Trumps Narzissmus, der, so das Fazit, die nationale Sicherheit zerstört und die USA in eine strategische Sackgasse manövriert habe.
Einordnung
Die Analyse ist eine starke, gut belegte polemische Streitschrift aus einem linksliberalen bis interventionistischen Blickwinkel. Ihre Stärke liegt in der Zusammenführung verschiedener glaubwürdiger Medienberichte zu einem schlüssigen, strategischen Lagebild, das die globalen Folgekosten des Iran-Kriegs scharf herausarbeitet. Die wiederholte Charakterisierung Trumps und Hegseths als eitle, unfähige Narzissten ist dabei bewusst überspitztes, meinungsstarkes Framing.
Ausgeblendet werden jedoch alternative Lesarten: So wird die Verantwortung der Biden-Administration für den Ausgangszustand der Arsenale nur kurz erwähnt. Ebenso bleibt die geopolitische Notwendigkeit des Iran-Kriegs aus der Perspektive seiner Befürworter völlig unberücksichtigt. Die Argumentation setzt unausgesprochen voraus, dass der Krieg von Anfang an unnötig und sinnlos war, und stilisiert die Munitionskrise zur zwangsläufigen Folge dieser Entscheidung. Die Agenda ist eindeutig: die Delegitimierung Trumps und Hegseths. Für Leser:innen, die eine faktenbasierte, investigative und zugleich erbarmungslos zugespitzte Abrechnung mit Trumps Außenpolitik suchen, ist diese Ausgabe hochgradig lesenswert. Wer eine ausgewogene Darstellung erwartet, wird sie nicht finden.