In dieser englischsprachigen Episode spricht Nadim mit dem palästinensischen Historiker Sabri Jiryis und seiner Tochter, der Übersetzerin Fida Jiryis, über Sabris Buch „The Foundation of Zionism“. Das Gespräch bewegt sich nicht auf der Ebene eines neutralen historischen Abrisses, sondern versteht sich als Gegenentwurf zu einer als verzerrt wahrgenommenen Geschichtsschreibung. Es wird eine dezidiert palästinensische Perspektive eingenommen, aus der heraus Zionismus als genuin koloniale, von europäischen Mächten geprägte Bewegung definiert wird.
Die Diskussion entfaltet sich entlang der Grundthese, dass Zionismus keine Antwort auf antisemitische Verfolgung gewesen sei, sondern ein politisches Projekt, das diese Verfolgung strategisch für seine demografischen und territorialen Ziele genutzt habe. Besonders in den Fokus rückt dabei die historische Verantwortung Deutschlands, das durch das Transferabkommen mit den Nationalsozialisten und spätere Reparationszahlungen maßgeblich zum Aufbau des zionistischen Projekts beigetragen habe. Die als selbstverständlich gesetzte Rahmung der Episode ist, dass jeder zionistische Strang, ob sozialistisch oder rechts-religiös, in seinem Kern auf die gewaltsame Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung abzielte und sich darin bis heute nicht gewandelt habe.
Zentrale Punkte
- Zionismus als koloniale Bewegung Sabri Jiryis argumentiere, Zionismus sei von Anfang an ein koloniales Projekt gewesen, geprägt von europäischem Denken. Seine intellektuellen Gründungsfiguren hätten den westlichen Mächten einen jüdischen Staat als Brückenkopf gegen die „wilden östlichen Völker" angeboten – eine Strategie, die sich in der heutigen israelischen Politik ungebrochen fortsetze.
- Die Unhaltbarkeit des sozialistischen Mythos Die in Deutschland verbreitete Unterscheidung zwischen einem guten, sozialistischen und einem schlechten, rechten Zionismus sei historisch unzutreffend. Es seien David Ben-Gurion und seine sozialistische Arbeitspartei gewesen, die 1948 die Nakba, die Vertreibung der Palästinenser:innen, befehligt und durchgeführt hätten.
- Instrumentalisierung des Judentums Der Zionismus habe jüdische Religion und Theologie verdreht, betont Sabri Jiryis. Die messianische Idee einer Rückkehr ins Gelobte Land sei in ein politisches Programm umgewandelt worden. Dabei seien Jüdinnen:Juden bewusst instrumentalisiert worden, etwa durch das Schüren von Angst in arabischen Ländern, um die Immigration nach Israel zu erzwingen.
Einordnung
Die Episode bietet eine dichte und quellengesättigte Darstellung der zionistischen Geschichte aus palästinensischer Perspektive und dient damit als ein notwendiges Gegenarchiv zur deutschen Debatte, in der palästinensische Stimmen oft marginalisiert werden. Ihre Stärke liegt in der präzisen historischen Beweisführung und der klaren Benennung von Kontinuitäten, vor allem wenn Sabri Jiryis die zentrale Rolle Deutschlands bei der Ermöglichung des zionistischen Projekts hervorhebt. Das ist informativ und lenkt den Blick auf wenig beachtete historische Verantwortlichkeiten.
Kritisch zu betrachten ist indes die monolithische Rahmung. Indem jede zionistische Strömung, von sozialistisch bis faschistisch, als im Kern identisch rassistisches Kolonialprojekt dargestellt wird, wird das analytische Potenzial für feinere Unterschiede innerhalb der Bewegung verschenkt. Das Gespräch gleicht so eher einem politischen Zeugnis, das politische Eindeutigkeit über die Rekonstruktion historischer Widersprüche stellt. Die Folge ist für ein Publikum, das sich mit grundlegender Kritik am Zionismus vertraut machen möchte, ein wertvoller Einstieg. Sie verlangt jedoch bewusste Distanz, weil sie keinen Raum für die Ambivalenz lässt, die jeder historischen Bewegung innewohnt, wie etwa Sabri Jiryis eigener Befund zeigt, dass es vor dem „eigentlichen" Zionismus jüdische Einwanderung in Koexistenz gab. Dieser Widerspruch bleibt im Gesprächsfluss unaufgelöst.
Hörempfehlung: Eine unverzichtbare Folge für alle, die eine fundierte, quellenbasierte palästinensische Perspektive auf die Ursprünge und die Natur des Zionismus jenseits deutscher Debattenmuster suchen.
Sprecher:innen
- Nadim – Host des linken Analyse-Podcasts
99 ZU EINS - Sabri Jiryis – Palästinensischer Historiker, Autor von "The Foundation of Zionism" und "The Arabs in Israel"
- Fida Jiryis – Palästinensische Schriftstellerin und Übersetzerin, übertrug das Werk ihres Vaters ins Englische