Bei einer geschlossenen Veranstaltung in Hamburg zeichnete ein hochrangiger Manager eines großen KI-Unternehmens das Bild einer nahen Zukunft, in der KI kein simpler Chatbot mehr ist, sondern ein ständig arbeitender persönlicher Assistent mit Agenten, Dashboards und Hintergrundprozessen. Sein Konzern habe die finanziellen Mittel und eine Milliarde Nutzer:innen, um das umzusetzen – aber zu wenig Rechenleistung, um bereits fertige Funktionen freizuschalten. Viele Firmen, so der Tenor, bauten immer noch für das KI-Heute und verstünden exponentielles Wachstum nicht. Exklusive Daten seien der entscheidende Burggraben.
Auf der OMR-Konferenz sprach der Newsletter-Autor zudem über den ausbleibenden Traffic für Medienhäuser: Kaum jemand klicke in KI-Antworten auf Quellen. SPIEGEL etwa gleiche das über Google Discover aus, andere Verlage stünden vor dem Zusammenbruch ganzer Ressorts. Dennoch sieht er in Echtzeitinformationen einen Schatz, den Redaktionen für KI-Anbieter unverzichtbar mache – wenn sie sich nicht unter Wert verkaufen.
Die eingeladene feministische KI-Forscherin Eva Gengler stellt die entscheidende Frage: „Automatisieren wir mit KI eine unterdrückerische Vergangenheit oder gestalten wir eine gerechtere Zukunft?“ KI erbe menschliche Vorurteile und Machtverhältnisse, weil sie auf historischen Daten, Institutionen und Entscheidungen trainiert werde. Technologie sei nie neutral, sondern immer von neoliberalen, patriarchalen und kolonialen Logiken durchzogen – aber das sei kein Schicksal, sondern eine politische Wahl. Gengler fordert machtkritische, inklusive und kollektiv entwickelte KI-Systeme, die tatsächliche Ungleichheit strukturell angehen, statt sie zu reproduzieren. Abgerundet wird die Ausgabe durch Kurzlinks zu Themen wie Datenlecks beim Vibecoding, der verzerrenden Wirkung von KI-Schreibhilfen und einem Experiment, bei dem ein KI-Agent 100 Dollar und eine Kreditkarte erhielt.
Einordnung
Der Newsletter lebt von der cleveren Gegenüberstellung: Der KI-Manager erzählt eine deterministische Erfolgsstory exponentiellen Fortschritts, Gengler entlarvt diese Geschichte als interessengeleitetes Narrativ. So werden die blinden Flecken des Tech-Diskurses sichtbar, etwa die unhinterfragte Machtkonzentration bei wenigen weißen Männern. Allerdings bleibt die Perspektive derjenigen, die nicht gestalten, sondern von KI verdrängt oder diskriminiert werden, eher Fußnote als Fokus. Auch die Wirtschaftsinteressen des Autors – er baut selbst digitale Produkte – schwingen unterschwellig mit. Die journalistische Darstellung von Medienkrise und Datenpartnerschaften ist pragmatisch, könnte aber dazu verleiten, die Abhängigkeit von großen Plattformen zu vertiefen.
Lesenswert ist diese Ausgabe für alle, die verstehen wollen, wie tief KI in Medien, Gesellschaft und Machtverhältnisse eingreift und dass die Richtung keineswegs technisch vorgegeben ist. Die feministische Stimme ist ein dringend nötiges Korrektiv.