Der Festivalleiter Andreas Friedrich spricht mit Radio Blau über die 23. Ausgabe des Neisse Filmfestivals, das in Kinos auf deutscher, polnischer und tschechischer Seite stattfindet. Das Gespräch verwebt die diesjährige Fokusreihe „Transformations“ mit der Geschichte des Festivals selbst. Dieses sei aus einer „oppositionellen Blase“ der späten DDR in Großhennersdorf entstanden, wo sich um einen großen sozialen Träger junge Leute mit alternativen Gesellschaftsentwürfen sammelten. Die Erzählung setzt das Festival als ein demokratisches und völkerverbindendes Projekt, das sich heute bewusst gegen eine als nationalistisch beschriebene „hellblaue Welle“ in Ostsachsen stemme und als „utopisches Dorf“ einen Gegenpol bilde. Kultur wird dabei als ein Akt der Selbstbehauptung in einem politisch schwieriger werdenden Umfeld dargestellt.
Zentrale Punkte
- Utopie als Ursprungserzählung Großhennersdorf wird als Ort beschrieben, an dem sich nach 1989 kreative Ideen einer in der DDR sozialisierten Opposition entfalten konnten. Die Gründung des Kinos und des Festivals wird als direkte Fortsetzung dieser widerständigen, gemeinschaftsorientierten Haltung präsentiert.
- Festival als Bollwerk gegen rechts Friedrich bezeichnet die politische Lage in Ostsachsen als von einer „hellblauen Welle“ bestimmt. Das Festival verstehe sich als notwendiger Raum für Demokratie und Völkerverständigung, wobei die Arbeit explizit als Gegenentwurf zu wachsendem Patriotismus und Abschottung in der Region gerahmt wird.
Einordnung
Das Gespräch bietet einen atmosphärisch dichten Einblick in die Selbstwahrnehmung eines Kulturfestivals, das seine Identität stark aus einem oppositionellen Erbe und einer klaren politischen Haltung bezieht. Diese Verknüpfung von Kulturarbeit mit einem antifaschistischen Gründungsmythos und dem Anspruch, regionaler Gegenpol zu einer erstarkenden Rechten zu sein, wird nachvollziehbar und engagiert dargestellt.
Allerdings bleibt die Unterhaltung ganz in dieser Selbstbeschreibung verhaftet. Die Perspektive bleibt auf die Binnenlogik des Festivals beschränkt; die Frage, wen das Festival im ländlichen Raum tatsächlich erreicht und ob es über das eigene, bereits überzeugte Milieu hinauswirkt, wird nicht berührt. Die komplexe gesellschaftliche Realität der Region, in der die erwähnte „hellblaue Welle“ ja auch eine demokratische Mehrheitsmeinung repräsentiert, wird nicht weiter ausgeleuchtet. Die eigene Position erscheint so als ein selbstverständlich fortschrittlicher Leuchtturm, ohne dass die Gräben zur restlichen Bevölkerung thematisiert werden.
Einordnen lässt sich das Festival durch die Aussage: „Wir haben keine roten Teppiche, wir haben grüne Wiesen“ – ein Bild, das den basisdemokratischen, anti-elitären Anspruch des Festivals unterstreicht und als bewusste Abgrenzung zum etablierten Kulturbetrieb fungiert.
Hörempfehlung: Für alle, die sich für kulturelle Graswurzelarbeit und die Verflechtung von Festivalgeschichte mit ostdeutscher Transformationserfahrung interessieren.
Sprecher:innen
- Andreas Friedrich – Leitungsteam des 23. Neisse Filmfestivals, Mitbegründer des Kunstbauerkinos
- Radio Blau – Gastgeber, Freies Radio aus Leipzig