Sternstunde Philosophie: Mit Elon Musk in ein neues Zeitalter?
Historiker Quinn Slobodian analysiert, wie Elon Musk den demokratischen Staat durch Tech-Monopole und extrem rechte Ideologie systematisch aushöhlt.
Sternstunde Philosophie
58 min read3608 min audioIn der SRF-Sendung „Sternstunde Philosophie“ diskutiert Moderatorin Olivia Röllin mit dem Historiker Quinn Slobodian über dessen Konzept des „Muskismus“. Die Episode verhandelt Elon Musk nicht als bloßen Unternehmer, sondern als Avatar eines neuen, tiefgreifend antidemokratischen Weltbildes. Dabei wird der Aufstieg von Big Tech als hegemonialer Prozess analysiert, der die klassische staatliche Souveränität schrittweise ablöst und durch privatwirtschaftliche Monopole ersetzt.
Als selbstverständlich wird in dem Gespräch vorausgesetzt, dass technologischer Fortschritt und der gegenwärtige Kapitalismus inhärent zu einer gefährlichen Machtkonzentration führen. Die Diskussion dekonstruiert den Mythos des freiheitsliebenden Tech-Pioniers und rahmt Musks Agieren stattdessen als strategische Unterwerfung des Staates. Auffällig ist, wie Begriffe wie „Souveränität“ und „Effizienz“ hier als toxische Werkzeuge zur Durchsetzung einer elitären Vorherrschaft gelesen werden, während die technologische Vernetzung als primäre Bedrohung für demokratische Strukturen dargestellt wird.
### Zentrale Punkte
* **Souveränität als Abhängigkeitsfalle**
Slobodian behaupte, Musk verkaufe primär das Gefühl von Sicherheit. Die versprochene technologische Unabhängigkeit treibe Staaten jedoch in eine absolute Abhängigkeit von seinen Monopolen.
* **Staatliche Symbiose statt Libertarismus**
Slobodian erkläre den libertären Mythos für falsch: Musk suche systematisch die Symbiose mit der Regierung und nutze staatliche Mittel, solange er die Spielregeln selbst diktieren dürfe.
* **Verschiebung in rechte Diskurse**
Slobodian führe Musks Radikalisierung auf die elitäre Prägung der Apartheid zurück. Er übernehme heute extrem rechte Narrative und normalisiere diese Diskurse systematisch über seine Plattform.
* **Transhumanismus als Eugenik**
Musks KI-Visionen basierten auf einer Art turbokapitalistischer Eugenik. Die Menschheit gelte ihm als entbehrlicher Ballast, während eine radikale Tech-Elite die Zukunft der Spezies bestimmen solle.
### Einordnung
Die Episode besticht durch ihre tiefgreifende historische Kontextualisierung. Slobodian dekonstruiert den Mythos des alleinigen technologischen Genies fundiert und macht die hegemonialen Verflechtungen zwischen Big Tech, Staat und neoliberalen Kontinuitäten sichtbar. Besonders stark ist die präzise Herausarbeitung, wie elitäre Tech-Diskurse des Silicon Valley zunehmend mit rechtsextremen Narrativen (wie IQ-Fetischismus) verschmelzen. Schwächen zeigen sich in der teils totalisierenden Argumentation: Die Analyse verbleibt durchgehend in einem apokalyptischen Framing. Moderatorin Röllin hinterfragt Slobodians starke Zuspitzungen kaum. Wie drastisch die rhetorische Eskalation im Gespräch ausfällt, zeigt Slobodians unhinterfragter Vergleich, das Manifest des rechtsextremen Terroristen Anders Breivik sei „fast nicht zu unterscheiden von den Dingen, die Musk heute postet“ – eine massive diskursive Setzung, die ohne kritische Gegenfrage als Fakt im Raum stehenbleibt.
**Hörempfehlung**: Für alle, die die politische Machtkonzentration im Silicon Valley und die ideologischen Unterbauten des gegenwärtigen Technologie-Kapitalismus jenseits klassischer Unternehmensporträts verstehen wollen.
### Sprecher:innen
* **Olivia Röllin** – Moderatorin und Religionsphilosophin
* **Quinn Slobodian** – Historiker und Professor für internationale Geschichte