Klaus Raab analysiert in dieser Ausgabe des Medien-Watchblogs "Das Altpapier" ein besorgniserregendes Muster in der aktuellen Berichterstattung: Die Tendenz, Komplexität und präzise Einordnung zugunsten von spektakelorientiertem "Geschnatter" zu opfern. Im Zentrum der Kritik steht zunächst der Literaturkritiker Denis Scheck, dem Raab in Bezug auf seine Sendung "Druckfrisch" einen misogynen Umgang mit Autorinnen vorwirft. Scheck habe das Buch von Ildikó von Kürthy nicht nur rituell entsorgt, sondern es als "Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette auf einer Hochzeit" tituliert. Raab arbeitet heraus, dass Scheck bei männlichen Autoren zwar ebenfalls Verrisse produziere, diese jedoch nicht geschlechtsspezifisch herabwürdige. Die Kritik stützt sich unter anderem auf Elke Heidenreich, die Scheck eine "gefährliche Mischung aus klein sein und sich groß fühlen" attestiert und der ARD vorwirft, ihren Kulturauftrag durch solche stillosen Inszenierungen zu verfehlen.
Die Argumentation weitet sich auf die Sportberichterstattung aus, wobei Raab eine Analyse von Andrej Reisin über Fan-Ausschreitungen bei einem Spiel von Dynamo Dresden heranzieht. Hier zeige sich ein ähnliches Bild: Statt Sicherheitskonzepte und Prävention kritisch zu hinterfragen, flüchten sich Medien in moralisierende Schlagworte wie "Fußball-Chaoten" oder "unfassbarer Eklat". Besonders die Talksendung "Doppelpass" wird von Raab pointiert als "Schnatterzone der Männertoilette" bezeichnet. Er kritisiert, dass durch die ständige Wiederholung der Gewaltbilder genau die Bühne geschaffen werde, die man vorgibt zu bekämpfen. Die Spektakelorientierung sei für die Redaktionen zwar bequem und generiere Klicks, verhindere jedoch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ursachen von Gewalt und dem Versagen der Behörden.
Abschließend thematisiert der Newsletter die ökonomischen Treiber dieser Entwicklung. Unter Bezugnahme auf den Reporter Wolfgang Bauer wird die Architektur moderner Newsseiten kritisiert, die wie "Rewe-Wurfsendungen" gestaltet seien. Hochwertiger Journalismus und komplexe Themen würden in einem "Mahlstrom aus Bildern und Texten" untergehen, da Algorithmen und Vermarktungsstrategien Keywords wie "Sex, Crime, Trump" bevorzugten. Bauer wird mit der Beobachtung zitiert: "Viele, die ich kenne, sind auf unseren Webseiten [...] verloren. Sie ertrinken in der gleichförmigen Fülle." Diese Marktlogik führe laut Raab dazu, dass selbst relevante Informationen über Kriegsverbrechen hinter trivialen Aufregerthemen verschwinden, was die Leser:innen letztlich "heimatlos" und unzufrieden zurücklasse.
Einordnung
Der Newsletter "Das Altpapier" erfüllt hier seine Funktion als kritische Instanz der Medienbeobachtung par excellence, indem er Einzelphänomene zu einer übergeordneten Systemkritik verknüpft. Raab gelingt es, die Verbindung zwischen individueller Fehlleistung – wie dem Sexismus in der Literaturkritik – und strukturellen Mängeln in der digitalen Nachrichtenaufbereitung herzustellen. Die implizite Annahme des Textes ist eine tiefgreifende Skepsis gegenüber der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie, die den journalistischen Kernauftrag der Aufklärung schleichend aushöhle. Dabei wird eine klare Agenda verfolgt: Die Rückbesinnung auf handwerkliche Präzision und die Verantwortung der Medienhäuser gegenüber ihrem Publikum.
Besonders hervorzuheben ist die kritische Perspektive auf Machtstrukturen. Raab demaskiert die patriarchalen Muster in Formaten wie "Druckfrisch" oder "Doppelpass" und zeigt auf, wie diese durch veraltete Rollenbilder und effekthascherische Rhetorik stabilisiert werden. Die Auslassung alternativer Lösungsansätze für die ökonomische Misere der Verlage schwächt die Argumentation zwar leicht, wird aber durch die Schärfe der Analyse wettgemacht. Der Text ist eine dringende Leseempfehlung für alle, die verstehen wollen, warum trotz einer Flut an Informationen die Tiefe der Berichterstattung oft abnimmt. Er bietet eine fundierte Entscheidungshilfe, um die Mechanismen hinter den Schlagzeilen kritisch zu hinterfragen und sich nicht im "Mahlstrom" der Oberflächlichkeit zu verlieren.