Die Episode aus dem studentischen Radioformat beginnt mit Kurzmeldungen und Veranstaltungshinweisen, widmet ihren Schwerpunkt aber der Frage, wie klassische Literatur auf Social Media weiterlebt. Zu Gast ist die Studentin Emma, die für ihre Bachelorarbeit untersucht, wie der Vampirroman „Camilla" (1872) auf TikTok besprochen und inszeniert werde. Sie beschreibe, dass die Plattform das historische Werk nicht mit wissenschaftlicher Distanz behandle, sondern es aneigne, emotional auflade und in kurzen Videos neu erzähle. Dabei werde die ursprünglich als Abschreckungsgeschichte konzipierte Erzählung über eine lesbische Vampirin heute von vielen Nutzer:innen als „queerer Klassiker" gefeiert. Die zentrale These des Gesprächs: TikTok fördere ein ästhetisches, gefühlsbetontes Lesen, das sich vom analytischen Zugang der Literaturwissenschaft unterscheide – und dadurch neue Zugänge für ein junges Publikum schaffe.

Zentrale Punkte

  • Vom Buch zum TikTok-Cosplay Emma habe in ihrer Recherche fünf Kategorien von Camilla-TikToks identifiziert, darunter Cosplay-Videos, in denen die Figur Camilla schauspielerisch dargestellt werde, sowie Moodboards aus düsteren Bildern, unterlegt mit dramatischer Musik. Dabei ändere sich oft die Perspektive: Statt wie im Buch aus Lauras Sicht zu erzählen, rücke die geheimnisvolle Vampirin selbst ins Zentrum der Inszenierung.
  • Ästhetisches statt analysierendes Lesen Die Studentin greife auf eine Lesetheorie zurück, die zwischen einem „efferenten", analysierenden Lesen und einem „ästhetischen", gefühlsorientierten Lesen unterscheide. Die kurzen TikTok-Videos könnten zwar keine tiefgehende Werkinterpretation ersetzen und blieben oft oberflächlich, förderten aber genau dieses emotionale Eintauchen und weckten so bei vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Interesse am Buch.
  • Digitaler Buchclub mit Haken Es entstehe eine Art digitaler Lesekreis, in dem über die „wahre Liebe" zwischen Camilla und Laura diskutiert werde. Emma merke jedoch kritisch an, dass einige Videos schlecht recherchiert seien oder vor allem dazu dienten, mit steilen Thesen Aufmerksamkeit und Kommentare zu generieren. Eine nachhaltige, tiefgehende Beschäftigung mit dem Stoff könne das Format nach eigener Einschätzung wohl eher nicht leisten.

Einordnung

Das Gespräch mit Emma zeichnet sich durch eine große Selbstreflexion aus. Sie bettet ihre noch im Entstehen begriffene Analyse bewusst in den wissenschaftlichen Diskurs ein, etwa durch den Verweis auf die Theorie der Lesehaltungen. Gut gelingt ihr die Differenzierung zwischen verschiedenen Videoformaten, wodurch sie das oft pauschale Urteil über „die oberflächlichen sozialen Medien" aufbricht. Die Stärke des Beitrags liegt darin, die TikTok-Inhalte nicht einfach als kulturlosen Kitsch abzutun, sondern sie als eine spezifische kulturelle Aneignungspraxis ernst zu nehmen, die den ursprünglich homophoben Unterton des Buches ganz bewusst umdeutet.

Allerdings bleibt im Gespräch eine entscheidende, systemische Ebene unerwähnt. Emma sagt selbst über die Plattformlogik: „Es ist eine Unterhaltungsplattform, es sind relativ kurze Videos, die auch einfach dazu da sind, um die Leute auf der Plattform zu halten." Ihre Arbeit nehme diese Rahmenbedingungen hin, hinterfrage aber nicht, wie sehr der Algorithmus das kulturelle Gedächtnis steuert. Wenn TikTok-Inhalte vor allem auf Reichweite und Gefälligkeit optimiert sein müssen, ist die von ihr festgestellte Bevorzugung des „ästhetischen Lesens" dann wirklich eine freie Entscheidung der Nutzer:innen – oder die einzig mögliche Form, unter dieser Bedingung noch über Literatur zu sprechen?

Hörempfehlung: Für alle, die sich für Literaturvermittlung, Medienwandel und die Frage interessieren, ob Buchclubs im Netz funktionieren können – ein sehr zugänglicher Einblick in studentische Forschung.

Sprecher:innen

  • Emma – Studentin und Autorin einer Bachelorarbeit über Camilla auf TikTok
  • Unbenannter Moderator – Stimme aus der Redaktion des studentischen Radiomagazins