In dieser Episode von «Weltwoche Daily Spezial» geht es um die Geschichte und den Mythos der Schlacht bei Sempach. Der Historiker und SVP-Politiker Christoph Mörgeli spricht mit Moderator Roman Zeller über Arnold von Winkelried, dem die Erzählung eine kriegsentscheidende Heldentat zuschreibt. Das Gespräch pendelt zwischen historischer Skepsis und einer affirmativen Beschwörung des Nationalmythos: Mörgeli räume zwar ein, dass Winkelrieds Existenz zeitgenössisch nicht belegt sei, würdigt die „saftige Geschichtsschreibung“ jedoch als wertvoll für das „Selbstverständnis“ und verteidigt den Gründungsmythos gegen eine als fantasielos geschilderte kritische Geschichtswissenschaft. Die Schlacht selbst wird als zwingender Teil eidgenössischer „Befreiungskriege“ und notwendige Territorialbildung gegen die „Ansprüche der Habsburger“ dargestellt.

Zentrale Punkte

  • Heldenmythos gegen Quellenlage Mörgeli führe aus, dass Winkelried „urkundlich fassbarer“ als Tell sei, aber erst rund hundert Jahre später in Chroniken auftauche. Trotz dieser unsicheren Quellenlage werde die Figur nicht einfach als Sage verabschiedet, sondern als ein Aufruf zu Solidarität und Selbstaufopferung für die Gemeinschaft aufgeladen.
  • Kampf um die richtige Deutung Die Erzählung von Winkelried sei, so Mörgeli, wichtiger für das Nidwaldner „Selbstbewusstsein“ als die trockene Quellenlage. Kritische Historiker:innen der 1970er Jahre, die den Mythos als reine „Märchenstunde“ bezeichneten, werden dabei als fantasielos dargestellt, denen es an „Liebe zu unserem Vaterland“ fehle – eine emotionale Abwehr wissenschaftlicher Analyse.

Einordnung

Der rund zwölfeinhalb-minütige Beitrag ordnet die Überlieferung kompakt ein und lässt Mörgeli die Ambivalenz zwischen Mythos und belegbarer Historie benennen – eine Differenzierung, die selten vorkommt in stark meinungsorientierten Formaten. Die Episode zeigt so, wie nationale Identitätsstiftung auch mit wackliger Faktenlage funktionieren kann. Die Stärke liegt in der plastischen Schilderung der Ikonografie des Denkmals und der Einbettung der Schlacht in die Territorialpolitik des 14. Jahrhunderts.

Politisch wird es dort, wo eine bestimmte Form von Geschichtsschreibung – die patriotisch aufgeladene – als moralisch überlegen dargestellt wird. Wer den Mythos dekonstruiert, dem fehle es Mörgeli zufolge an „Fantasie“ und – so die deutliche Spitze – an „Liebe zu unserem Vaterland.“ Diese Gegenüberstellung von vermeintlich blutleerer Kritik und emotionaler Heimatverbundenheit konstruiert eine falsche Alternative; sie immunisiert die Meistererzählung gegen jede quellenbasierte Dekonstruktion. Die Schlacht wird als natürlicher Freiheitskampf gerahmt, während die Perspektive der habsburgischen Seite und die machtpolitischen Eigeninteressen der eidgenössischen Orte kaum vorkommen. Die Einordnung des Missbrauchs der Winkelried-Figur durch die Nationalsozialisten gerät zudem auffallend knapp.

Sprecher:innen

  • Roman Zeller – Moderator, Weltwoche Daily
  • Prof. Christoph Mörgeli – Historiker, ehemaliger SVP-Nationalrat