Der plötzliche Tod von Lindsey Graham mit 71 Jahren liefert dem Autor von Public Notice die Gelegenheit, dessen politische Lebensgeschichte als Sinnbild für den Verfall des modernen Konservatismus zu deuten. Graham, 1994 als Teil von Newt Gingrichs „Republikanischer Revolution“ ins Repräsentantenhaus gewählt, startete seine Karriere als einer der Ankläger im Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton. Später wandelte er sich zum „Maverick“ an der Seite von John McCain und wetterte als Kriegsbefürworter gegen Trumps Isolationismus. Im Vorwahlkampf 2016 schmähte er Trump noch als „gefährlichen Spinner“, der die Partei zerstören werde. Doch nach Trumps Sieg vollzog Graham eine Kehrtwende, die der Text als beispiellos feige und selbstverleugnend beschreibt: Aus dem scharfen Kritiker wurde ein unterwürfiger Bewunderer, der Trump einmal sagte: „Sie sind nicht weit hinter Gott.“
Selbst nach dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021, als Graham sich kurzzeitig von Trump lossagte („Ich bin raus, genug ist genug“), stimmte er wenig später gegen die Verurteilung Trumps im Impeachment-Verfahren. Der Nachruf gipfelt in dem vernichtenden Urteil, Graham sei als Feigling gestorben, ein politisches Chamäleon ohne eigene Überzeugungen, dessen Machthunger die Entwicklung der Republikaner von einer Bewegung zum schamlosen Selbstbedienungsladen verkörpere. Durchgehend wird Graham als opportunistisch und rückgratlos gezeichnet, der lediglich „in den Dienst seiner selbst“ handelte und für nichts lebte außer für die Nähe zur Macht.
Einordnung
Die Analyse ist kein journalistischer Nachruf, sondern ein politisches Pamphlet, das Grahams Tod als Vehikel für eine Generalabrechnung mit dem Trumpismus nutzt. Die Redaktion von Public Notice ist klar dem linksliberalen Spektrum zuzuordnen; der Text bedient sich einer stark wertenden, teils hämischen Sprache (z. B. „Ruhe in Feigheit“). Er zeichnet ein extrem eindimensionales Bild: Grahams Wandlungen werden ausschließlich auf Karrierismus reduziert, während mögliche inhaltliche Motivationen oder politische Erfolge ausgeblendet bleiben. Die implizite Annahme, eine interventionistische Außenpolitik sei die einzig richtige und Abweichung davon „krankhaft“, verrät ein neoliberales Weltbild. Der Artikel normalisiert eine aggressive Rhetorik, die dem politischen Gegner jede Legitimität abspricht, und bleibt damit selbst in jener polarisierten Diskurskultur gefangen, die er anprangert. Für Leser:innen, die eine ausgewogene Würdigung Grahams suchen, ist dieser Newsletter ungeeignet. Wer jedoch eine kompromisslose, ideologisch aufgeladene Dekonstruktion republikanischer Heuchelei schätzt, findet hier einen pointierten, wenn auch verzerrten Blick.