Im Gespräch zwischen Lenny Rachitsky und Max Schoening, Head of Product bei Notion, geht es um die Frage, wie Künstliche Intelligenz die Arbeit von Produktteams grundlegend verändert. Schoening argumentiert, dass nicht technische Fähigkeiten allein über den Erfolg entscheiden, sondern eine Haltung, die er „Agency“ nennt: die Überzeugung, dass man die Welt um sich herum aktiv gestalten und verändern kann. Diese Haltung sei ungleich verteilt und werde zum entscheidenden Merkmal für Produktgestalter:innen.
Die Diskussion operiert mit der unausgesprochenen Prämisse, dass die Verschmelzung traditioneller Rollen (Design, Entwicklung, Management) durch KI-Werkzeuge unausweichlich und positiv ist. Effizienz und Geschwindigkeit werden als zentrale Werte gesetzt, während potenzielle Verluste – etwa die Rolle von Spezialist:innen oder die handwerkliche Sorgfalt – zwar benannt, aber im optimistischen Fortschrittsnarrativ eher als Kollateralschäden erscheinen.
Zentrale Punkte
- Agency ist die neue Kernkompetenz Im KI-Zeitalter sei nicht das Erlernen neuer Werkzeuge entscheidend, sondern die innere Haltung, Probleme eigenständig zu erkennen und zu lösen. Schoening beschreibt Agency als das Gegenteil einer reinen Rollenausführung und sieht sie als Eigenschaft, die man durch eigenes „Machen“ und Experimentieren kultivieren könne.
- Die ersten 10 Prozent sind gratis Durch KI-Assistenz entfalle der anfängliche Aufwand für Prototypen und erste Versionen fast vollständig. Dies führe dazu, dass Ideen viel schneller und billiger in etwas Konkretes, Reagierbares verwandelt werden könnten; die wirklich harte Arbeit liege jedoch weiterhin in der finalen Ausarbeitung, Skalierung und Wartung.
- Malleable Software statt starrer Apps Software sollte sich den Nutzer:innen anpassen und nicht umgekehrt, so die Idealvorstellung. Werkzeuge wie Notion seien ein Schritt in diese Richtung. Die oft beschworene „SaaS-Apokalypse“ hält Schoening für übertrieben, da die meisten Menschen keine Lust hätten, ihre eigene komplexe Software vollständig selbst zu bauen und zu warten.
- Geschmack als Vorhersagemaschine Geschmack sei die Fähigkeit, vorherzusagen, wie eine Zielgruppe auf ein Produkt reagieren wird. Diese Fähigkeit entstehe nicht durch Genie, sondern durch unzählige Wiederholungen und konsequentes Einholen von Feedback, ähnlich dem Training eines Modells.
Einordnung
Das Gespräch bietet eine prägnante, aus der Praxis gesättigte Perspektive darauf, wie radikal KI die Produktentwicklung beschleunigt und die Selbstermächtigung von Einzelpersonen steigert. Die Stärke liegt in der Abkehr von abstrakten Prognosen hin zu konkreten, bereits in der Organisation erprobten Prinzipien – etwa dem bewussten Einsatz von Code als Denkwerkzeug für Designer:innen oder dem „Demo statt Memo“-Ansatz. Schoening zeichnet ein Bild von Arbeit, das auf Neugier und intrinsischer Motivation fußt, und grenzt sich wohltuend von einem reinen Effizienz- und Kostendiskurs ab.
Die Analyse bleibt jedoch stark in der Binnenlogik eines hochinnovativen Tech-Unternehmens verortet. Die dargestellte „Agency“ setzt ein hohes Maß an Privilegien, Vorbildung und ein Arbeitsumfeld voraus, das radikales Experimentieren nicht nur erlaubt, sondern aktiv fördert und unbegrenzte Budgets für KI-Token bereitstellt. Strukturelle oder betriebswirtschaftliche Hürden, die in weniger experimentierfreudigen Organisationen bestehen, werden kaum thematisiert. Die provokative These, Wissensarbeit sei „bereits ein bedingungsloses Grundeinkommen“, zeigt eine gewisse ökonomische Schieflage des Arguments, da sie von der Existenzsicherheit einer globalen Elite ausgeht und prekäre Arbeitsverhältnisse ausblendet.
Das einzige Zitat aus der Episode veranschaulicht die zentrale Haltung, die Schoening propagiert: „One day you wake up and you realize the world is made up by people no smarter than you.“ Es geht um den Moment der Erkenntnis, dass alles Veränderbare von Menschen geschaffen wurde – und daher auch von einem selbst verändert werden kann.
Hörempfehlung: Für alle, die in der digitalen Produktentwicklung arbeiten und verstehen wollen, wie eine Führungskraft den Wandel von Rollen und Werkzeugen aktiv vorantreibt, bietet diese Episode konkrete, umsetzbare Denkanstöße mit Tiefgang.
Sprecher:innen
- Max Schoening – Head of Product bei Notion, ehemals GitHub, Heroku, Google
- Lenny Rachitsky – Host des Podcasts, Investor und Autor des Newsletters „Lenny's Newsletter“