Cleantech Ing.: Geothermie wird jetzt finanzierbar
Eine kritische Analyse eines Cleantech-Newsletters über das technologische Potenzial und die rasante Kommerzialisierung von Tiefengeothermie.
Cleantech Ing.
13 min readRico Grimm analysiert in seinem Cleantech-Newsletter den aktuellen Aufschwung der Tiefengeothermie, die er als technologische Lösung im Kampf gegen die Klimakrise positioniert. Der Autor stellt die These auf, dass diese Energieform gleich drei drängende Probleme löse. Sie liefere grundlastfähigen Strom für KI-Rechenzentren, stelle Wärme bereit und erlaube die Förderung von Lithium für Batterien. Anhand von vier Meilensteinen illustriert er den Wandel der Branche von einer Nische hin zu einer bankfähigen Infrastruktur. Im Zentrum steht das US-Unternehmen Fervo Energy, das 421 Millionen Dollar von Großbanken einsammeln konnte. Bemerkenswert sei, dass es sich um einen Non-Recourse-Deal handele, bei dem nur das Kraftwerk als Sicherheit diene. Grimm führt weitere Projekte an, um die Skalierung der Technologie zu belegen. In Großbritannien und am Oberrheingraben entstünden Anlagen, die Strom, Wärme und Lithium aus einer einzigen Bohrung kombinieren.
Der Autor verschweigt jedoch nicht die historischen und aktuellen Hürden der Technologie. Die Produktionskosten lägen noch weit über jenen der Solarenergie und in der Vergangenheit seien bereits Geothermie-Börsengänge gescheitert. Zudem verweist er auf lokale Widerstände in der Bevölkerung, wie etwa im baden-württembergischen Schwetzingen, wo Bürger:innen nach Messungen Schadensmeldungen einreichten. Dennoch zeige der Anstieg der Investitionen, dass die Branche das gefürchtete Tal des Todes überwinden könnte. Laut Grimm betrachten Geldgeber solche Projekte nun als verlässliche Anlagen und erteilen ihnen damit einen "Ritterschlag".
## Einordnung
Der Newsletter zeichnet sich durch einen stark technologieoptimistischen und marktorientierten Deutungsrahmen aus. Grimm wählt eine investorenfreundliche Perspektive, bei der die Lösung der Klimakrise primär als finanzierbares Geschäftsmodell verstanden wird. Auffällig ist sein Bemühen, Geothermie als völlig unpolitische Technologie zu framen, die "in keine politische Schublade passt" und somit für alle politischen Lager attraktiv sei. Diese Darstellung marginalisiert jedoch die Tatsache, dass der massive Ausbau von Tiefenbohrungen tiefgreifende ökologische Eingriffe darstellt, was durch die nur marginal erwähnten Proteste deutlich wird. Die Perspektive der betroffenen Anwohner:innen wird zugunsten einer technikzentrierten Lösungsrhetorik an den Rand gedrängt.
Trotz der Fixierung auf Finanzierungsrunden und das Wohlwollen von Banken bietet der Text einen fundierten Einblick in eine rasant wachsende Technologiebranche. Die gesellschaftliche Relevanz ist angesichts der europäischen Abhängigkeit von Rohstoffimporten und der Klimakrise sehr hoch. Der Newsletter ist absolut lesenswert für Technologieinteressierte und politische Entscheider:innen, die sich einen prägnanten Überblick über Marktdynamiken verschaffen wollen. Wer tiefere sozialökologische Analysen sucht, wird hier allerdings nicht fündig.