Die 79. Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes ist zu Ende, und wie jedes Jahr trifft sich die Runde von „Le Masque et la Plume", um das Palmarès zu sezieren. Unter der Leitung von Rebecca Manzoni streiten Jean-Marc Lalanne, Charlotte Garson, Nicolas Schaller und Charlotte Lipinska leidenschaftlich über die Preisträgerfilme. Im Zentrum der Diskussion steht die Frage nach der politischen Verantwortung des Kinos: Dürfen Filme gesellschaftliche Konflikte wie den Zusammenprall von religiösem Traditionalismus und säkularem Staat oder das Russland unter Putin darstellen, ohne eine klare Haltung zu beziehen? Oder werden sie damit gerade ihrer künstlerischen Aufgabe nicht gerecht? Die selbstverständliche Prämisse der Runde ist, dass die Cannes-Jury mit ihrer Preisvergabe nicht nur ästhetische, sondern auch politische Urteile fällt.
Zentrale Punkte
- Ein Palmen-Streit um Mungius „Fjord" Der Palme-d'Or-Gewinner „Fjord" spalte die Runde fundamental. Während die einen dem Film vorwürfen, er gebe vor, neutral zu sein, verstecke aber eine reaktionäre Haltung, die den norwegischen Sozialstaat karikiere und die traditionelle Familie als Opfer inszeniere, bewerteten andere ihn als einen komplexeren, wenn auch zu langen und zu sehr dem Drehbuch verhafteten Film.
- Zvyagintsevs „Minotaure" als notwendiges Statement Der mit dem Großen Preis ausgezeichnete Film des exilrussischen Regisseurs werde als ein zwar schwerfälliges, aber politisch mutiges und in seiner Darstellung der Korruption unter Putin „implacable" Werk eingeordnet. Die Kritiker:innen seien sich einig, dass der Film seine größte Kraft dort entfalte, wo er die private Sphäre mit der politischen Lage kurzschließt, auch wenn sein Stil als „pachidermique" empfunden werde.
- Geteilte Meinung zu den Darsteller-Preisen Die Entscheidung, zweimal Doppelpreise für die beste schauspielerische Leistung zu vergeben, werde als kluges Statement für den kollektiven Charakter der Schauspielkunst gedeutet. Besonders bei dem Film „Coward" von Lukas Dhont falle das Urteil über die Leistung der Hauptdarsteller jedoch weit positiver aus als über den Film selbst, dem eine zu glatte und manierierte Inszenierung vorgeworfen werde.
Einordnung
Die Stärke dieser Episode liegt in der greifbaren Leidenschaft und dem hohen analytischen Niveau, mit dem die Runde ihre Positionen gegeneinanderstellt. Es wird nicht einfach nur Geschmack geäußert, sondern argumentativ um die filmische Form und ihre politischen Implikationen gerungen. Die Diskussion um „Fjord" ist ein Paradebeispiel für gelebte Filmkritik, die eine Form für ihre vermeintliche Haltung verantwortlich macht. Die Hörer:innen bekommen einen lebendigen Eindruck vom intellektuellen Klima des Festivals und ein scharfes Bild der prämierten Werke, ohne dass die Besprechungen zu bloßen Inhaltsangaben verkommen.
Kritisch anzumerken ist, dass in der Diskussion die anfangs so betonte politische Dimension der Filme oft auf einer rein inhaltlichen Ebene verhandelt wird. Die Frage, ob Mungius Film „reaktionär" sei, wird an der Figurenzeichnung festgemacht, aber filmsprachliche Mittel – wie der konkrete Einsatz von Musik, Licht oder Kadrage – werden dabei kaum als Träger dieser kritisierten Haltung analysiert. Zudem teilt die Runde, bei aller kontroversen Debatte, einen elitären Grundkonsens darüber, was ein „richtiger" Festivalfilm zu leisten hat. Die Idee, dass ein Film eine „dialektische" Auflösung bieten müsse und keinem Lager eindeutig zuzuordnen sein sollte, wird von einer der Kritikerinnen als Maßstab angelegt, ohne selbst hinterfragt zu werden.
Hörempfehlung: Ein Muss für alle, die die intellektuellen Grabenkämpfe hinter den glamourösen Fassaden von Cannes verstehen wollen und eine fundierte, meinungsstarke Filmkritik schätzen.
Sprecher:innen
- Rebecca Manzoni – Moderatorin der Sendung „Le Masque et la Plume"
- Jean-Marc Lalanne – Filmkritiker und Chefredakteur des Magazins Les Inrocks
- Charlotte Garson – Stellvertretende Chefredakteurin der Cahiers du cinéma
- Nicolas Schaller – Journalist für L'Obs
- Charlotte Lipinska – Filmkritikerin und Journalistin bei Télé Matin