Auf der re:publica 2026 in Berlin diskutieren Joerg Breithut, Nicole Dittmann und Dennis Horn – das Team des c’t-Podcasts „Haken dran" – kontrovers über selbst mitgebrachte Thesen zur Lage der sozialen Medien. Der Mitschnitt fängt eine Mischung aus pointierter Analyse und Bühnenkabarett ein, bei der es um nicht weniger als die Frage geht, wem die digitalen Plattformen eigentlich nutzen und wer sie noch gestalten kann. Im Kern wird immer wieder verhandelt, dass gesellschaftliche Probleme (wie Radikalisierung oder politische Kommunikation) mit technischen oder regulatorischen Mitteln allein nicht zu lösen seien, sich aber die Diskussion oft genau darauf verenge. Auffällig ist, wie oft die Runde politische und ökonomische Machtfragen als scheinbar unausweichliche Marktlogiken oder technische Sachzwänge rahmt, ohne diese Logiken immer grundlegend in Frage zu stellen.
Zentrale Punkte
- Bluesky ist nur ein Tapetenwechsel Der Wechsel von X zu Bluesky werde mit politischem Handeln verwechselt, so Horn. Zwar biete Bluesky bessere Blockfunktionen, doch die Nutzer:innenstruktur (Journalist:innen, Tech-Bubble) und das Gefühl seien ähnlich wie bei Twitter 2009. Solange das grundlegende Problem – die Plattform-Architektur und das Verhalten – dasselbe bleibe, sei dies nur ein Umzug ohne wirkliche Veränderung.
- EU-Regulierung ein „Papiertiger" Der Digital Services Act (DSA) enthalte sinnvolle Ansätze zu Transparenz und Algorithmen-Rechenschaft. Da die EU-Kommission aber nur mit einer Handvoll Beamt:innen gegen massiven Konzern-Widerstand ermittle und im Zweifel außenpolitisch einknicke, bleibe die Regulierung wirkungslos. Es werde reguliert, damit reguliert sei – nicht, damit sich substanziell etwas verbessere.
- Fatalistischer Rückzug der politischen Mitte Dittmann und Breithut sehen eine Entwicklung, dass Spitzenpolitiker:innen und Parteifunktionär:innen sich quantitativ von den Plattformen zurückziehen könnten. Aus Resignation, weil ihre Kommunikation dort nicht gegen die emotionalen Ränder ankomme, werde weniger Energie und Geld investiert. Dieser Fatalismus spiegele Ohnmacht und schade langfristig der demokratischen Auseinandersetzung.
- Zuckerbergs dritte Epoche scheitert an den Nutzenden Zuckerbergs Vision der dritten Social-Media-Ära – KI-generierte Inhalte, die die Plattformen füllen – werde scheitern, weil die Nutzer:innen solche als „Slop" empfundenen Inhalte ablehnten. Zwar sei KI-gestützte Produktion teils sinnvoll, aber rein synthetische Füll-Inhalte würden nicht die gewünschte Bindung schaffen, da das Bedürfnis nach authentischer, menschlicher Kommunikation unterschätzt worden sei.
Einordnung
Die Episode ist ein lebendiges, unterhaltsames und streckenweise selbstironisches Streitgespräch, das die Desillusionierung der Expert:innen-Runde eindrücklich einfängt. Die Stärke liegt darin, dass nicht nur technische Features abgewogen, sondern die großen, politischen Versprechen der Plattformen und der Regulierung entzaubert werden. Die detaillierte Analyse, warum der DSA bislang zahnlos bleibt (personelle Unterlegenheit der EU, außenpolitischer Druck), liefert einen echten Mehrwert und geht über Plattitüden hinaus. Die Diskussion über den „Fatalismus" der politischen Mitte benennt ein reales Problem, bleibt aber in der Analyse der Gegenstrategien vage – vor allem, weil „Emotionalität" der Ränder zwar diagnostiziert, aber nicht entschlüsselt wird. Starke Momente entstehen dort, wo die Runde eigene Widersprüche benennt (z.B. die Verklärung des alten Twitter). Was fehlt, ist eine tiefergehende Einordnung des zugrundeliegenden Geschäftsmodells: Die Plattformen profitieren vom lähmenden Streit der politischen Mitte und vom rechten Populismus gleichermaßen, weil dieser Interaktion und Nutzungsdauer maximiert. Diese ökonomische Prämisse wird zwar gestreift, aber nicht systematisch beleuchtet. Die Diskussion verbleibt zudem stark in einer journalistischen und politischen Blase. Die Rolle der Creator Economy für ganz andere Gesellschaftsschichten (etwa migrantische Communities, Handwerk, „Blue Collar") wird nur in einem Nebensatz von Horn erwähnt. So wirkt die Analyse stellenweise wie eine Selbstvergewisserung der eigenen, medienaffinen Filterblase. Das Zitat von Dennis Horn fasst eine Kernkränkung der Runde pointiert zusammen: „Solange wir Plattformwechsel irgendwie mit politischem Handeln verwechseln, werden wir auch auf den neuen Plattformen dasselbe Problem haben."
Hörempfehlung: Ein Muss für alle, die die Frustration über Social-Media-Diskurse teilen und verstehen wollen, warum weder neue Plattformen noch Regulierung allein die strukturellen Probleme lösen.
Sprecher:innen
- Joerg Breithut – Moderator und Redakteur des c’t-Podcasts „Haken dran"
- Nicole Dittmann – Co-Moderatorin und Social-Media-Expertin bei „Haken dran"
- Dennis Horn – Co-Moderator von „Haken dran", Politik- und Plattform-Beobachter