Anne Applebaums Rede an Europa 2026, gehalten am Wiener Judenplatz, entwirft ein eindringliches Bild eines Kontinents, der sich von zwei Seiten bedroht sieht: von einem Russland, das mit Gewalt die europäische Nachkriegsordnung zerstören wolle, und von einer US-Regierung, die sich von demokratischen Bündnissen verabschiede und aktiv auf eine Schwächung der EU hinarbeite. Die polnisch-amerikanische Historikerin stellt diese Entwicklungen als tiefgreifende Zäsur dar – vergleichbar mit dem Ende des Kommunismus 1989 – und verbindet sie mit einer langen Ideengeschichte. Nicht nur von außen kämen autoritäre, nationalistische und theokratische Konzepte zurück, auch innerhalb der europäischen Gesellschaften würden diese „verstaubten alten Ideen“ wiederbelebt.
Im Kern argumentiert Applebaum, dass Europa gerade wegen seiner demokratischen und rechtsstaatlichen Errungenschaften eine eigenständige Zukunft behaupten könne. Der Kontinent müsse seine Souveränität neu definieren, mehr in eigene Technologien investieren und sich als Magnet für Innovation und Verlässlichkeit positionieren. Die liberale Demokratie sei keine Schwäche, sondern Europas größte Stärke – eine Position, die in der Rede als fast schon trotzige Hoffnung inmitten düsterer Zeitdiagnosen aufscheint.
Zentrale Punkte
- Rückkehr autoritärer Ideen Alte Konzepte wie ethnischer Nationalismus, Theokratie und die Verachtung parlamentarischer Demokratie kehrten zurück, sowohl innerhalb Europas als auch angetrieben von außen. Diese aus dem 20. Jahrhundert stammenden Ideen würden von Menschen wiederbelebt, die nicht wüssten, warum sie einst diskreditiert worden seien.
- Doppelte Bedrohung durch Russland und die USA Russland führe nicht nur einen Eroberungskrieg gegen die Ukraine, sondern auch einen hybriden Krieg gegen die EU. Gleichzeitig habe die Trump-Regierung begonnen, US-Politik an autokratischen Werten auszurichten und unterstütze aktiv anti-europäische Kräfte mit dem Ziel, die Union zu schwächen.
- Europas Souveränität durch Technologie und Einheit Souveränität bedeute heute nicht mehr nur Armeen, sondern auch Netzwerke und Plattformen. Europa müsse eine eigene digitale Infrastruktur aufbauen, um nicht in Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen oder Russlands Propaganda zu geraten. Nur so könne der Kontinent seine Entscheidungen selbst treffen.
Einordnung
Applebaums Rede besticht durch ihre historische Tiefenschärfe und die Fähigkeit, komplexe geopolitische Entwicklungen in einen klaren ideengeschichtlichen Rahmen zu stellen. Sie setzt die aktuellen Angriffe auf liberale Demokratie in eine Kontinuität mit den autoritären Bewegungen des 20. Jahrhunderts, ohne dabei bloße Analogien zu bemühen. Besonders wirkungsvoll ist die Argumentation, dass nicht nur Russland, sondern auch Teile der US-Regierung aktiv an der Destabilisierung Europas arbeiten – und dies mit unterschiedlichen, aber sich ergänzenden ökonomischen und ideologischen Motiven. Der Appell, Europa müsse sich nicht nur militärisch, sondern vor allem technologisch und regulatorisch emanzipieren, ist konkret und politisch anschlussfähig.
Die Perspektive bleibt jedoch stark in der Verteidigung des Status quo der EU-Institutionen verankert. „Europa“ wird fast durchgängig mit der Europäischen Union und ihren rechtsstaatlichen Errungenschaften gleichgesetzt; andere, etwa linke oder postkoloniale Kritiken an diesem Europa kommen nicht vor, obwohl die koloniale Vergangenheit kurz erwähnt wird. Applebaum übergeht innereuropäische soziale Verwerfungen, die den Aufstieg autoritärer Bewegungen mit erklären könnten. Stattdessen erscheinen diese vor allem als Wiederkehr alter Ideen, nicht als Reaktion auf materielle Probleme. Ihre eigene Rolle als US-Amerikanerin, die über Europa spricht, bleibt unreflektiert.
Hörempfehlung: Hörenswert für alle, die eine pointierte Einordnung der geopolitischen Lage Europas suchen und sich für die ideengeschichtlichen Wurzeln autoritärer Rhetorik interessieren.
Sprecher:innen
- Anne Applebaum – Historikerin, Autorin („Die Achse der Autokraten"), polnisch-amerikanische Staatsbürgerin
- Raimund Löw – Journalist und Moderator, FALTER Radio
- Milo Rau – Theatermacher und Intendant der Wiener Festwochen