Uli Hoeneß empfängt den SPIEGEL-Politikchef Markus Feldenkirchen in seinem Haus am Tegernsee. Das Gespräch, geführt im Duktus privater Vertrautheit, kreist um die großen Stationen eines Lebens als Macher – die eigene Biografie wird dabei zum Beleg für wirtschaftliche Weitsicht und persönliche Widerstandsfähigkeit. Hoeneß präsentiert sich als selbstkritischer Patriarch, der Fehler eingestehe, aus diesen gelernt habe und nun mit der Autorität des Erfahrenen spricht. Die Härten des Fußballgeschäfts und die Kommerzialisierung des Sports verhandelt er entlang einer Leitdifferenz: Sein eigenes Handeln sei stets verantwortungsvoll gewesen, während die heutigen Akteure maßlos seien. Diese erzählerische Figur zieht sich durch das gesamte Gespräch.
Zentrale Punkte
- Fußball als Maßstab, nicht als Ware Die Weltmeisterschaft in den USA sei ein sportliches Highlight, werde aber durch Ticketpreise von mehreren tausend Dollar für normale Fans unbezahlbar. Hoeneß unterscheidet strikt zwischen seinem eigenen, als legitim dargestellten wirtschaftlichen Erfolg des FC Bayern und der aktuellen Gier der FIFA, die den Fußball zerstöre.
- Nagelsmanns fehlende Führungsstärke Der Bundestrainer habe keine Stammformation gefunden und vermittle den Spielern keine Sicherheit. Hoeneß’ Kritik sei rein fachlich zu verstehen; für den Turniererfolg brauche es eingespielte Automatismen und Führungsspieler wie Joshua Kimmich, den er im Mittelfeld und nicht als Rechtsverteidiger sehen wolle.
- Die Läuterung als unternehmerische Lehre Seine Steuerhinterziehung stellt Hoeneß als persönlichen Fehler dar, betont aber zugleich die nicht anerkannte Selbstanzeige und die – ökonomisch betrachtet – bestehenden Verluste. Die Haftzeit schildert er als Phase der Selbsterkenntnis, in der er seine Menschenkenntnis hinterfragen musste und zum Berater für Mitgefangene wurde.
- Politischer Appell an die Mitte Die demokratischen Parteien müssten die AfD entzaubern, indem sie ein Bündnis auf Zeit eingehen, um deren fehlende Lösungskompetenz zu entlarven – ein Vorstoß, den Hoeneß mit der Dringlichkeit existenzieller Gefahr für die Demokratie rahmt. Leute wie Björn Höcke kämen ihm nicht ins Haus.
Einordnung
Die Episode lebt von der ungefilterten Erzählung einer schillernden Figur der deutschen Zeitgeschichte. Hoeneß gelingt es, eine intime Atmosphäre zu schaffen, in der er mit teils drastischen Anekdoten – etwa dem Fuchs-Fell nach dem Flugzeugabsturz oder der gebrochenen Hostie im Gefängnis – seine Version eines geläuterten Alphatiers untermauert. Feldenkirchen lotet biografische Tiefen aus, lässt sich aber auch auf eine ausführliche, fast spielerische Taktikdiskussion ein, was Hoeneß fachliche Leidenschaft zugesteht, ohne den Gesprächscharakter zu brechen.
Kritisch bleibt, dass der von Hoeneß gesetzte Rahmen – die eigene Kommerzialisierung sei stets sozial verantwortlich gewesen – kaum hinterfragt wird. Die massive Kluft zwischen dem FC Bayern und dem Rest der Liga wird von ihm als Wettbewerbsproblem durch ausbleibende Investoren beschrieben, nicht als Resultat eben jener jahrzehntelangen Strategie. Seine Haltung zu autoritären Golfstaaten wirkt inkonsequent, wenn er Saudi-Arabien als Diktatur kritisiert, Katar aber anders sieht. Die vermeintliche Privatperson Hoeneß, die im Gespräch politische Ratschläge erteilt und seine eigene Härte gegen „Leute wie Höcke" betont („würden mir nicht einmal durch die Wohnungstür kommen"), illustriert zwar ein Milieu, bietet aber keine substanzielle politische Analyse. Die fehlende Einordnung, wie eine Koalition aller demokratischen Parteien die AfD konkret entzaubern solle, bleibt eine zentrale Leerstelle.
Hörempfehlung: Ein fesselndes Zeitzeugnis für alle, die verstehen wollen, wie ein Wirtschaftsboss des deutschen Fußballs seine Biografie und die Welt betrachtet – mit allen dazugehörigen Widersprüchen.
Sprecher:innen
- Markus Feldenkirchen – Autor und Politikchef des SPIEGEL
- Uli Hoeneß – Ehrenpräsident des FC Bayern München und Unternehmer