Diese Episode des *Falter Radio* beleuchtet den Zusammenbruch des autonomen Kurdengebiets Rojava in Syrien nach einer militärischen Offensive der syrischen Regierung. Der Podcast verbindet die Perspektive einer Aktivistin aus Kobane mit der Analyse eines Nahost-Experten, um die aktuelle Krise einzuordnen. Dabei wird deutlich, wie geopolitische Machtverschiebungen – insbesondere der Rückzug der USA – die kurdische Selbstverwaltung destabilisierten. Die Diskussion zeigt, dass die kurdische Autonomie nie nur ein lokales Projekt war, sondern stets von internationalen Allianzen und innerarabischen Konflikten abhängig blieb. Unhinterfragt bleibt dabei die Annahme, dass staatliche Souveränität und territoriale Kontrolle die einzig denkbaren Lösungen für die Region sind. ### Zentrale Punkte * **Zusammenbruch der kurdischen Autonomie** Die syrische Regierung habe mit Unterstützung lokaler arabischer Stämme weite Teile Rojavas erobert, nachdem die USA ihre militärische Unterstützung für die kurdischen Milizen eingestellt hätten. Die Kerngebiete wie Kobane blieben zwar unter kurdischer Kontrolle, doch die Autonomie existiere nur noch eingeschränkt weiter. * **Vertreibung und humanitäre Krise** In Kobane seien hunderte Menschen aus umliegenden Dörfern vertrieben worden und lebten nun in Schulen oder Büros. Die Versorgung mit Lebensmitteln sei prekär, und die Sicherheitslage bleibe angespannt, da die Bevölkerung der syrischen Regierung misstraue. * **Kulturelle und politische Spannungen** Die kurdische Selbstverwaltung habe versucht, emanzipatorische Strukturen wie die Gleichberechtigung von Frauen einzuführen, was bei konservativen arabischen Stämmen auf Widerstand gestoßen sei. Diese hätten sich nun wieder der syrischen Regierung zugewandt, was die kurdisch-arabische Allianz zerbrechen ließ. * **Zukunft der Kurden in Syrien** Die Kurden müssten sich auf eine Integration in den syrischen Staat einstellen, beharrten aber auf kulturellen Rechten wie kurdischer Sprache und lokaler Selbstverwaltung. Ob das neue Regime in Damaskus diese Zugeständnisse einhalte, bleibe fraglich. ### Einordnung Die Episode überzeugt durch die Kombination aus persönlicher Perspektive und fachlicher Expertise: Aljeen Hasan Schilderungen aus Kobane machen die humanitäre Krise greifbar, während Thomas Schmidinger die historischen und geopolitischen Zusammenhänge erklärt. Besonders stark ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Scheitern der kurdisch-arabischen Allianz, die als „zu idyllisch“ dargestellt worden sei. Allerdings bleibt die Analyse an einigen Stellen oberflächlich: So wird der Vorwurf der Türkei, die kurdischen Milizen seien Teil der PKK, zwar entkräftet, aber nicht vertieft. Auch die Rolle der EU oder Russlands im Konflikt wird kaum thematisiert. Die Diskussion verbleibt im Rahmen westlicher Narrative, etwa wenn der Rückzug der USA als „Verrat“ bezeichnet wird, ohne alternative Deutungen zu diskutieren. Für Hörer:innen, die sich für die Zukunft der Kurden oder die Folgen westlicher Interventionspolitik interessieren, bietet die Episode dennoch wertvolle Einblicke. **Hörempfehlung**: Für alle, die verstehen wollen, wie geopolitische Machtspiele lokale Autonomieprojekte zerstören – und warum die Kurden trotz Rückschlägen an ihrer Vision festhalten. ### Sprecher:innen * **Raimund Löw** – Host des *Falter Radio*, Journalist mit Fokus auf internationale Politik * **Thomas Schmidinger** – Politikwissenschaftler und Nahost-Experte, Professor in Erbil * **Aljeen Hasan** – Kurdische Aktivistin und Autorin aus Kobane