Bei Hart aber fair treffen anlässlich des ESC in Wien ganz unterschiedliche Verständnisse von Musik, Wettbewerb und Unterhaltung aufeinander. Die Moderator Louis Klamroth leitet eine Runde, in der der ESC gleichermaßen als nostalgisches Völkerverständigungsprojekt, popkultureller Raum für Toleranz und übertriebene Komödienveranstaltung beschrieben wird. Die Diskussion verhandelt unter dem Deckmantel der Musik vor allem die Frage, welche Identitäten und Lebensentwürfe öffentlich sichtbar sein sollen. Geschmacksurteile, so wird schnell klar, sind hier immer auch politische Urteile.

Zentrale Punkte

  • Musik oder Haltungswettbewerb? Hubert Aiwanger stelle die These auf, der ESC habe sich von einem Musikwettbewerb zur Völkerverständigung zu einem „Klamauk"-Event gewandelt, bei dem Haltung wichtiger sei als musikalische Qualität. Er fordere eine Rückbesinnung auf die „Wurzeln" und problematisiere die als normalitätswidrig empfundene Ästhetik.
  • Queere Sichtbarkeit als europäischer Wert Maria Popov und Ronen Steinke hielten dagegen, dass queere Repräsentation, wie durch Conchita Wurst, ein Kernbestandteil europäischer Werte und kein inhaltsleerer Klamauk sei. Ein solcher Auftritt sende ein wichtiges Signal der Akzeptanz an Menschen, die in vielen Ländern drangsaliert würden.
  • Normalität als verengender Kampfbegriff Die Runde offenbare einen grundlegenden Konflikt um den Begriff des „Normalen". Während Aiwanger vom „Normalbürger" spreche, der mit modernen ESC-Auftritten nichts anfangen könne, bezeichne Steinke diese Kategorisierung als verächtlich gegenüber allen, die nicht in ein konservatives Raster passten.

Einordnung

Die Sendung wird vor allem dann interessant, wenn es ihr gelingt, die impliziten politischen Vorannahmen der Diskutanten offenzulegen. Ronen Steinke und Maria Popov benennen klar, dass Aiwangers Rede von „Klamauk" und einer überfälligen Rückkehr zum angeblich unverfänglichen Musikalischen selbst eine hochgradig politische Setzung ist. Sie machen damit den entscheidenden Punkt stark, dass die Abwertung queerer Performances als „schrill" oder „nicht normal" kein neutrales Geschmacksurteil ist, sondern eine jener sprachlichen Figuren, mit denen Ausschlüsse hergestellt werden. Dadurch wird die Diskussion zu einem lehrreichen Beispiel dafür, wie unterhaltungskulturelle Debatten gesellschaftspolitische Grundkonflikte verhandeln.

Allerdings bleibt die Diskussion von einer ahistorischen Nostalgie geprägt, die kaum hinterfragt wird. Die Vorstellung eines ursprünglich unpolitisch-harmlosen ESC der 1950er Jahre wird von beiden Seiten als Folie genutzt, obwohl bereits die damaligen Beiträge nationalstaatliche Imagepflege und Nachkriegsdiplomatie betrieben. Was heute als „zu politisch“ gilt, wurde früher schlicht als nationale Selbstverständlichkeit nicht wahrgenommen. Zudem fehlt eine Perspektive jenseits des binären Streits: Dass Kultur stets politisch ist und ästhetisches Vergnügen aus Spannung, Übertreibung und Störung entsteht – dieses Dritte zwischen „nur Musik“ und „nur Haltung“ wird kaum ausgeleuchtet. Hubert Aiwanger argumentiert wortreich, ohne sich mit den Gegenargumenten inhaltlich auseinanderzusetzen, sondern weicht auf schiefe Sportvergleiche aus.

„Das Publikum ernst genommen, aber sich selber nicht ernst genommen" – Ronen Steinke nutzt diese Unterscheidung, um nicht Selbstironie zu loben, sondern den Respekt vor dem Publikum vom Maßstab eigener Befindlichkeiten zu lösen.

Sprecher:innen

  • Louis Klamroth – Moderator von Hart aber fair
  • Ronen Steinke – Journalist und Jurist, als ESC-Fan vorgestellt
  • Marie-Agnes Strack-Zimmermann – FDP-Politikerin, frühere Düsseldorfer Bürgermeisterin
  • Hubert Aiwanger – Politiker (Freie Wähler), ESC-kritische Position
  • Cindy Berger – Ehemalige ESC-Teilnehmerin (1970, als Teil des Duos Cindy & Bert)
  • Maria Popov – Journalistin, in Bulgarien geboren