Ein Versorgungsunternehmen aus Nevada teilt 50.000 Haushalten in der kalifornischen Lake-Tahoe-Region mit, dass es ab 2027 keinen Strom mehr liefern wird. Die Begründung: Die Kapazitäten würden für Rechenzentren von Google, Apple und Microsoft benötigt. Mike Brock, der anonyme Autor von „Notes From The Circus“, macht diesen Vorgang zum Paradebeispiel für eine menschenverachtende Techno-Ideologie.
Das konkrete Ereignis dient als Blaupause, um die intellektuelle Leerformel des „effektiven Akzelerationismus“ (e/acc) zu sezieren, wie sie der Milliardär Marc Andreessen vertritt. Dessen These: Die verpasste Chance auf allgemeinen Fortschritt sei das wahre moralische Risiko, nicht das Leid der 50.000 Einwohner:innen. Brock zerlegt dieses Argument Schicht für Schicht. Er zeigt auf, dass die Rechnung den Nutzen exklusiv den Aktionär:innen und Nutzer:innen der Tech-Konzerne zuschreibt, während die Anwohnenden als „unglückliche Externalität“ abgeschrieben werden. Eine Kompensation oder ein Verteilungsmechanismus für die angeblichen Gesamtgewinne existiert nicht. Besonders bissig wird die Kritik, als Brock Andreessens Selbstbeschreibung zitiert, er besitze „null Fähigkeit zur Introspektion“. Für Brock ist das nicht nur eine Anekdote, sondern die Selbstentmachtung jeglicher moralischer Urteilskraft, die das bittere Ergebnis dieser Philosophie erst ermöglicht.
Der Ton wird im letzten Drittel zunehmend konfrontativ. Brock adressiert die Tech-Elite direkt: „This is what your progress looks like, gentlemen.“ Er entlarvt die Phrasen von „Fortschritt“ und „Aufbau“ als bloße rhetorische Tarnung für eine schamlose Ressourcenextraktion, der eine ganze Bevölkerungsgruppe als Substrat geopfert wird.
Einordnung
Der Newsletter ist keine neutrale Analyse, sondern eine kompromisslose liberale Intervention mit hoher rhetorischer Wucht. Er bezieht seine Stärke aus der präzisen Verknüpfung eines konkreten, empörenden Falles mit der kalten Logik der dahinterstehenden Ideologie. Diese Stringenz hat jedoch ihren Preis: Die Motive der Gegenseite werden durchgängig pathologisiert und alternative Deutungen – etwa energiepolitische Zwänge oder strategische Notwendigkeiten der KI-Entwicklung – konsequent ausgeblendet. Das Framing als Kampf zwischen rücksichtslosen Milliardären und schutzlosen Bürger:innen ist wirkmächtig, aber argumentativ einseitig und dient letztlich der moralischen Selbstvergewisserung des eigenen Lagers.
Lesenswert ist diese Ausgabe für all jene, die eine zugespitzte, liberale Fundamentalkritik an der Verflechtung von Tech-Kapital und autoritären Tendenzen suchen. Wer hingegen eine ausgewogene Abwägung komplexer Zielkonflikte oder einen Einblick in die tatsächliche Selbstwahrnehmung der kritisierten Tech-Akteure erwartet, wird hier nicht fündig. Es ist ein bewusstes Stück Agenda-Journalismus von hoher handwerklicher Qualität.