Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 ist das dritte Turnier in Folge, bei dem die politische Lage im Gastgeberland die Debatten stärker prägt als das Sportliche. Nach Russland 2018 und Katar 2022 stehen nun die USA unter Donald Trump, Mexiko und Kanada im Fokus. Im taz-Podcast „Bundestalk“ wird nicht nur über die WM gesprochen, sondern vor allem über die Frage, wie eine kritische Berichterstattung unter diesen Vorzeichen gelingen kann. Die Runde verhandelt Boykottaufrufe, die FIFA-Machtstrukturen und die Frage, ob Fußball noch gesellschaftliche Stimmung heben kann.

Als selbstverständlich gesetzt wird dabei, dass die WM politisch instrumentalisierbar ist – die Differenz liegt darin, ob das gelingt oder scheitert. Die USA-Trump-Konstellation gilt als besonders prekär, doch auch Deutschland 2006 wird rückblickend als erfolgreiches „Sportswashing“ eingeordnet. Die Diskussion pendelt zwischen grundsätzlicher Systemkritik am FIFA-Kommerz und dem Bemühen, das Ereignis nicht den „Falschen“ zu überlassen.

Zentrale Punkte

  • Berichterstattung weitet den Fokus Die taz plane, entlang der Reiseroute von Mexiko über Texas bis New York gesellschaftspolitische Themen einzufangen, statt nur Spiele zu beschreiben – eine Methode, die bereits in Russland und Katar erprobt worden sei und nun auf die Spitze getrieben werde.
  • Boykott wird verworfen, Kritik gefordert Gegen einen Boykott der WM spreche, dass er nichts ändere; nötig sei stattdessen kritischer Journalismus, der die FIFA und autoritäre Politiker in dem kurzen Zeitfenster vor dem Anpfiff thematisiere – bevor der rollende Ball die Aufmerksamkeit wieder verschlucke.
  • 48 Mannschaften als Machtinstrument Die Erweiterung des Teilnehmerfelds wird ambivalent gesehen: Sie bringe zwar kleine Fußballnationen auf die Bühne, diene aber vor allem Infantinos Machterhalt, der sich Stimmen aus dem globalen Süden mit immer neuen Millionenzusagen sichere.
  • USA als verunsichernder Gastgeber Die Abweisung eines somalischen Schiedsrichters trotz Visums wird nicht als WM-Skandal, sondern als Einblick in den Alltag der US-Einwanderungsbehörden dargestellt – ein Moment, in dem das internationale Scheinwerferlicht auf strukturelle Willkür falle.

Einordnung

Die Episode zeichnet sich durch eine reflektierte Diskussion aus, die Sportberichterstattung nicht als unpolitische Nische behandelt, sondern konsequent in gesellschaftliche Kontexte einbettet. Die Runde bringt historische Vergleiche ein – etwa Russland 2018 als gelungenes Sportswashing oder Deutschland 2006 als Imagepolitur – und vermeidet simple Gut-Böse-Schemata. Besonders die Perspektive auf Mexiko, wo Proteste die WM-Bühne für eigene Anliegen nutzen, statt das Turnier abzulehnen, differenziert das oft vereinfachte Boykott-Narrativ. Die Diskutanten zeigen Selbstreflexion, etwa wenn eingeräumt wird, dass auch liberale Gesellschaften Großereignisse zur Imagepflege einsetzen.

Allerdings bleiben zentrale Leerstellen: Die Stimmen derjenigen, die von den Ticketpreisen oder Einreiseverboten ausgeschlossen werden, kommen nicht vor – weder Fans aus Iran oder Haiti noch jene in Mexiko, für die ein Ticket einem Monatsmindestlohn entspricht. Die Diskussion verbleibt im Modus der journalistischen Selbstverständigung. Auch die Annahme, dass „wir“ – gemeint ist ein emanzipatorisch-liberales Milieu – die WM „zu unserer WM machen“ müssten, setzt implizit voraus, dass es eine legitime Aneignung dieses globalen Kommerzspektakels geben könne, ohne die strukturellen Ausschlussmechanismen grundsätzlich zu verändern. Ein Satz wie „wir sind nicht die armen Opfer irgendwie von Donald Trump und Gianni Infantino“ weist in diese Richtung, ohne zu klären, für wen „wir“ genau spricht.

Hörempfehlung: Die Episode lohnt sich für alle, die über den Sportteil hinaus verstehen wollen, wie Redaktionen mit politisch aufgeladenen Großereignissen umgehen – und die eine Diskussion jenseits von Boykott-Empörung suchen.

Sprecher:innen

  • Bernd Pickert – Moderator und taz-Redakteur
  • Andreas Rüttenauer – taz-Sportredakteur, koordiniert die WM-Berichterstattung
  • Peter Unfried – taz-Chefreporter, früherer Fußballreporter
  • Wolf-Dieter Vogel – langjähriger taz-Korrespondent in Mexiko