Der als Streitgespräch angekündigte Schlagabtausch zwischen Roger Köppel und dem russischen Propagandisten Wladimir Solowjow wird sehr schnell zu einer Konfrontation, in der grundlegende journalistische und diskursive Regeln aufgehoben sind. Köppel versucht aus seiner selbstgewählten Rolle als kritischer, aber verständigungswilliger Gesprächspartner heraus, die russische Kriegsschuld und strategischen Fehler zu thematisieren. Solowjow hingegen setzt dem ein geschlossenes Weltbild entgegen, in dem jeder Zweifel als Beweis für die existenzielle Bedrohung Russlands durch einen von Grund auf bösen, entchristlichten und von "Homosexuellen-Lobbys" kontrollierten Westen gilt. Die Annahme, dass es zwischen diesen beiden Positionen überhaupt eine gemeinsame Verhandlungsbasis geben könne, wird im Laufe des Gesprächs von Solowjow aggressiv dekonstruiert.
Zentrale Punkte
- Präventiver Verteidigungskrieg gegen westliche Pläne Solowjow behaupte, der Einmarsch 2022 sei alternativlos gewesen, da eine unmittelbar bevorstehende ukrainische Großoffensive zur Zerstörung des Donbass bevorgestanden habe. Diese militärische Notwendigkeit sei für die Menschen in der Ostukraine erfolgt, die man vor einem vom Westen jahrelang unterstützten "Nazi-Regime" und einem Schicksal ähnlich dem Jugoslawiens habe retten müssen.
- Der Westen als totaler Feind ohne legitime Interessen Im Gespräch konstruiere Solowjow einen unveränderlichen Antagonismus: Der Westen, gesteuert von nicht gewählten, korrupten und moralisch verkommenen Kräften, führe seit Jahrhunderten und aktuell wieder einen Vernichtungskrieg gegen Russland. Europäische Politiker:innen hätten folglich jedes Recht verwirkt und müssten die Zerstörung ihrer eigenen Infrastruktur als gerechte Konsequenz erwarten.
- Rhetorik der Auslöschung als moralische Pflicht Solowjow setze den Konflikt direkt mit dem "Großen Vaterländischen Krieg" gleich und rechtfertige dies mit Verweis auf die angebliche "Nazi"-Natur des Gegners. Er stelle die vollständige Vernichtung der Kriegsgegner als gottgefällige und in der Bibel vorgeschriebene Handlung dar und ziehe die Grenze zwischen Gut und Böse entlang einer selbstdefinierten, antiwestlich und homophob aufgeladenen "christlichen" Moral.
Einordnung
Köppel versucht in dieser Episode, partiell gegenzusteuern, indem er Putins strategische Fehler beim Namen nennt und die Verantwortung Russlands für die ursprüngliche Eskalation klar benennt. Er zeigt auch die Widersprüchlichkeit auf, dass man sich einerseits als kritische Stimme im Westen inszeniert, die Dämonisierung Russlands ablehnt, andererseits aber demselben Schema einer totalen Verteufelung des Gegenübers verfällt. Sein recht pragmatisches Argument, dass ein Krieg um zehn Prozent des Donbass-Gebiets keine Weltkriegseskalation wert sei, bleibt jedoch ohne Wirkung, weil Solowjow grundsätzlich kein territoriales, sondern ein existenziell-zivilisatorisches Problem in den Mittelpunkt stellt.
Die Einordnung des Gesprächs muss klar herausstellen, dass es sich hier nicht um einen Austausch zwischen zwei konträren, aber legitimen politischen Perspektiven handelt. Solowjows Beiträge entsprechen in ihrer Struktur und Bildsprache – der Feind als von "Homosexuellen-Lobbys" kontrolliertes "reinstes Böses", das "ausgelöscht" werden müsse – dem Muster unverhohlen dehumanisierender Kriegspropaganda. Köppels Rollenverständnis als Brückenbauer stößt hier an seine unüberwindbare Grenze, weil es die Ebene einer Diskussion über Interessen, Sicherheitsgarantien und Fehlkalkulationen bei einem Gegenüber, der die Zerstörung Berlins ohne Grenzübertritt als zivilisatorische Notwendigkeit androht, schlicht nicht gibt. Dass Solowjow im Verlauf die Sprache völlig verliert und in persönliche Beschimpfungen ("motherfucker") abgleitet, ist weniger ein Zeichen von Schwäche als von der rhetorischen Absicht, das dem westlichen Liberalismus verhaftete Format komplett zu sprengen.