In dieser Episode von Future Histories spricht Moderator Jan Groos mit der Ostasienwissenschaftlerin Merle Groneweg über die komplexe Rolle Chinas in der globalen Klimakrise. Die Diskussion vermeidet einfache Zuschreibungen als Klimavorreiter oder -sünder und untersucht stattdessen die logischen Brüche innerhalb des chinesischen Staatskapitalismus. Dabei werde Sicherheit als übergeordnetes Prinzip dargestellt, das ökologische Ziele häufig überlagere. Die Gesprächspartnerinnen setzen sich damit auseinander, wie wirtschaftliches Wachstum und Ressourcensicherung die Energiepolitik prägen. Besonders der neue Fünfjahresplan diene als Beispiel für die Priorisierung von Autarkie und militärischer Relevanz vor konsequentem Klimaschutz.

Zentrale Punkte

  • Ambivalenz der Klimapolitik Groneweg beschreibe Chinas Vorgehen nicht als Widerspruch, sondern als Gleichzeitigkeit von massivem Ausbau erneuerbarer Energien und neuer Kohlekraftwerke. Dies spiegle ein kapitalistisches Akkumulationsregime wider, das Profite sichern müsse, während es gleichzeitig Klimaschutz betreibe. Die Dimensionen der Volkswirtschaft führten dabei zu extrem hohen absoluten Emissionswerten.

  • Sicherheit als Hauptziel Im aktuellen Fünfjahresplan werde nationale Sicherheit über ökologische Ambitionen gestellt. Die Expertin erläutere, dass Begriffe wie Energiesicherheit den Weiterbetrieb von Kohle rechtfertigen, um Unabhängigkeit von Importen zu garantieren. Klimaziele würden dabei bewusst niedriger angesetzt, um sie leicht übertreffen zu können.

  • Autoritärer Umweltschutz Umweltmaßnahmen dienten oft dazu, staatliche Macht auszubauen, etwa durch Erfassung individueller CO2-Fußabdrücke. Groneweg verweise darauf, dass einfache Lösungen wie einheitliche Mehrwegbecher nicht umgesetzt würden, da sie dem Staat keinen Machtzuwachs brächten. Zivilgesellschaftliche Organisationen müssten sich staatlichen Strukturen unterordnen.

  • Kooperation im Globalen Süden Die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsländern unterscheide sich von westlichen Modellen, da China in industrielle Infrastruktur investiere. Allerdings bliebe dies innerhalb kapitalistischer Logiken, die neue Abhängigkeiten schafften. Ein reiner Technologietransfer werde vermieden, um eigene Marktstellungen nicht zu gefährden.

Einordnung

Die Episode leiste eine differenzierte Analyse, die gängige Medienbilder von China als monolithischem Akteur hinterfrage und stattdessen interne Widersprüche aufzeige. Stärken lägen in der konkreten Benennung von Politikinstrumenten wie Sonderwirtschaftszonen oder Recycling-Experimenten in Shanghai. Kritisch bleibe, dass strukturelle Alternativen zum Wachstumsparadigma nur am Rande berührt würden und die Diskussion stark expertokratisch geführt werde. Die Perspektive betroffener Gemeinden im Globalen Süden oder chinesischer Arbeiter:innen fehle dabei weitgehend. Groneweg merke an: "es ist weniger ein grüner Staatskapitalismus, sondern vielleicht ein braungrüner". Diese sprachliche Fassung verdeutliche die Verwobenheit von ökologischer Modernisierung und fossiler Kontinuität ohne moralische Verurteilung. Die Einordnung von NGOs als staatlich kanalisierte Akteure bietet wichtige Nuancen zur Zivilgesellschaft. Insgesamt lohnt sich das Hören für alle, die westliche Klimanarrative hinterfragen möchten, ohne in Technokratie-Glaubenssätze zu verfallen.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die eine fundierte, differenzierte Perspektive auf Chinas Rolle in der Klimakrise jenseits von Schwarz-Weiß-Malerei suchen.

Sprecher:innen

  • Jan Groos – Moderator und Host des Future Histories Podcast
  • Merle Groneweg – Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Humboldt-Universität zu Berlin