In einem von Angstkampagnen geprägten Wahlkampf in Sachsen-Anhalt feiern die COMPACT-Moderator:innen Paul Klemm und Dr. Stephanie Elsässer die 41-Prozent-Umfrage der AfD als Vorbotin eines historischen Sieges. Während die CDU dem Bundesland für den Fall einer blauen Regierungsbeteiligung mit wirtschaftlichen und bildungspolitischen Sanktionen drohe, wird das Arsenal vermeintlicher Gegenmaßnahmen der Berliner Regierung durchdekliniert – bis hin zum 'Bundeszwang' nach Artikel 37 des Grundgesetzes. Als Gegengewicht dazu wird das Bild des volksnahen Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund in einer Gießerei inszeniert und die Zuschauer:innen werden zur 'AfD-Offensive' aufgerufen. Die Folge dient zugleich als Werbefläche für eine neue Silbermedaille mit dem Reichstagsmotiv.

Die AfD steuere in Sachsen-Anhalt auf eine absolute Mehrheit zu, die ein 'Mauscheln' der Altparteien unmöglich mache

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund habe bereits '45 plus' als Ziel ausgegeben. Da die Partei innerhalb weniger Monate zugelegt habe, sei da noch 'gewaltig Luft drin', so Dr. Stephanie Elsässer. Die gegenwärtige Regierung aus CDU, SPD und FDP repräsentiere kaum noch den Wählerwillen: 'Das Volk entscheidet, das sind freie Wahlen, die Mehrheit ist für eine AfD Landesregierung, dann sollen sie da auch mal eine Chance bekommen.'

CDU-Politiker wĂĽrden dem gesamten Bundesland mit existenziellen Sanktionen drohen, sollte die AfD an die Macht kommen

Laut Moderator Paul Klemm habe der ehemalige Ministerpräsident Reiner Haseloff geäußert, dass im Falle eines AfD-Wahlsiegs 'Abiturzeugnisse und andere Qualifikationen aus einem solchen Bundesland von Hochschulen anderswo nicht mehr wie selbstverständlich akzeptiert' würden. Auch der Austausch der Sicherheitsbehörden und Transfergelder stünden dann in Gefahr. Dr. Stephanie Elsässer wertet dies als 'fake News' und Beleg dafür, dass 'das alte System wirklich aus dem letzten Loch pfeift'.

Ein 'Bundeszwang' nach Artikel 37 könne als schärfstes Schwert genutzt werden, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu entmachten

Über den Bundeszwang könne ein 'Kommissar' eingesetzt und dem gewählten Ministerpräsidenten vorangestellt werden – 'wie ein Gauleiter dann', so Dr. Stephanie Elsässer. Dies sei eine Reaktion auf die Angst der Etablierten, die selbst Grundrechte mit Füßen getreten hätten: 'Wer sagt denn in Berlin hier, da habt ihr das Grundgesetz verletzt? […] Wir, das Volk, der Souverän.'

Beamte und Verfassungsschutz-Beamte planten bereits, Akten zu 'schreddern', um Einblicke einer AfD-Regierung zu verhindern

Paul Klemm zitiert den SPD-Politiker Sebastian Fiedler mit den Worten: 'Als Beamter bin auch ich aufs Grundgesetz verpflichtet. Und dann soll ich Extremisten die sensibelsten Daten überlassen? Da drücke ich doch lieber auf die Löschtaste.' Dies zeige, dass das politische Establishment vertuschen wolle, 'wen der VS als Spitzel in die Partei eingeschleust hat' und welche 'Lügengebäude' während der Corona-Pandemie errichtet worden seien.

Einordnung

Die COMPACT-Sendung inszeniert sich als Gegenöffentlichkeit, betreibt aber vor allem Kampagnenjournalismus zugunsten der AfD. Bereits die Eröffnung suggeriert eine klare Rollenverteilung: hier die mutigen Verkünder einer volksnahen Wahrheit, dort die 'durchdrehenden' CDU-Drohungen gegen 'Kinder und Sicherheitsbehörden'. Komplexe verfassungsrechtliche Instrumente wie der Bundeszwang werden nicht erklärt, sondern als reine Willkürwerkzeuge einer entkernten Altparteien-Clique dargestellt, die das Bundesland 'systemisch bestrafen' wolle. Ein Zitat von Angela Merkel zum Tabubruch der gemeinsamen Wahl mit der AfD dient als Beleg für einen angeblichen permanenten Verfassungsbruch der Regierenden. Die ungeprüfte Gleichsetzung eines Bundeskommissars mit einem 'Gauleiter' ist dabei eine besonders drastische rhetorische Entgrenzung.

Die gesamte Argumentation basiert auf der strategischen Umkehrung des Opfer-Täter-Narrativs: Nicht die demokratischen Institutionen schützen sich vor einer in Teilen gesichert rechtsextremen Partei, sondern eine autoritäre, den Souverän verachtende Elite unterdrücke den wahren Volkswillen. Einordnende Perspektiven, etwa zur tatsächlichen Rechtslage oder zur historischen Relevanz der zitierten Nazi-Vergleiche, fehlen völlig. Die moderierende Kritik erschöpft sich in Phrasen wie 'das ist doch eine Angst mache'. Die Sendung reproduziert so nicht nur rechte Deutungsmuster, sondern verwischt zusätzlich die Grenzen zwischen politischem Lobbying, Kommerz und journalistischem Anspruch – prominent vorgeführt durch die fließenden Übergänge von Wahlkampfhilfe zur Direktvermarktung von AfD-Devotionalien.

Sehwarnung: Ein tendenziöser Beitrag, der demokratische Schutzmechanismen dämonisiert und unter dem Deckmantel der Empörung unkritisch AfD-Wahlwerbung betreibt. Kein journalistischer Mehrwert, sondern primär ein Kanal zur Mobilisierung der eigenen Echokammer und zur Produktvermarktung.