Der menschengemachte Klimawandel prägt nicht nur Wetter und Meeresspiegel – er reicht tief in die Erde hinein. Die Wissenschaftsjournalistin Renate Ell berichtet in dieser IQ-Folge über wenig bekannte Wechselwirkungen: Starkregen, Stürme und schmelzende Gletscher können Vulkanausbrüche auslösen; umgekehrt werfen Eruptionen das Klima durcheinander. Expert:innen aus Vulkanologie und Geophysik erklären, wie Wasser und Eis Magma mobilisieren und welche Folgen das haben könnte.

Die Darstellung bewegt sich konsequent im Rahmen naturwissenschaftlicher Erklärungsmuster: Vulkane erscheinen als physikalisch-chemische Systeme, die auf äußere Einflüsse reagieren. Der Klimawandel wird als unbestrittene Tatsache vorausgesetzt; dass es dazu auch abweichende gesellschaftliche Positionen gibt, wird nicht thematisiert. Die zeitlichen Dimensionen – tausende Jahre Verzögerung zwischen Gletscherschmelze und Eruption – machen das Thema zugleich dringlich und entrückt: Es betrifft künftige Generationen, entzieht sich aber dem unmittelbaren politischen Handlungsdruck.

Zentrale Punkte

  • Regen als Auslöser für Eruptionen Falk Amelung habe mit Satellitendaten belegt, dass starker Regen den Ausbruch des Kilauea 2018 mitverursacht habe. Wasser sickere durch porösen Basalt bis in Magmakammern und lasse Gestein brüchiger werden, was Magma den Weg nach oben bahne. Der Klimawandel könne solche regeninduzierten Ausbrüche um 5 bis 10 Prozent häufiger machen.

  • Gletscherschmelze entlädt Magmakammern Schwindende Gletscher könnten mit jahrtausendelanger Verzögerung explosive Eruptionen auslösen. Pablo Moreno Jäger erkläre, dass das wegfallende Eisgewicht den Druck auf Magmakammern senke, woraufhin gelöste Gase ähnlich wie bei einer geschüttelten Limonadenflasche entweichen – aber erst nach tausenden Jahren Anpassungszeit.

  • Vulkane als Klimamacher und -brecher Der Laki-Ausbruch 1783/84 habe giftige Gase und Asche über Europa verteilt, was Hungersnöte auslöste und laut Thor Hansden die Französische Revolution mitverantwortete. Heutige CO₂-Emissionen der Menschheit entsprächen jeden Tag einem Mount St. Helens-Ausbruch, während ein Supervulkan wie Yellowstone die Erde um mindestens 5 Grad abkühlen könnte.

Einordnung

Die Episode leistet eine differenzierte Wissenschaftsvermittlung, die komplexe geophysikalische Zusammenhänge anschaulich und ohne Alarmismus erklärt. Mehrere Forschende aus unterschiedlichen Instituten kommen zu Wort; ihre Erkenntnisse werden mit konkreten Fallbeispielen (Kilauea, Laki, Andenvulkane) und methodischen Erläuterungen (Argon-Datierung, Satellitendaten) unterfüttert. Besonders gelungen ist die Einbettung historischer Ereignisse in die naturwissenschaftliche Perspektive, etwa beim Jahr ohne Sommer 1816 oder den sibirischen Flutbasalten.

Kritisch bleibt anzumerken, dass Vulkane überwiegend als physikalische Systeme behandelt werden – soziale, wirtschaftliche oder politische Dimensionen von Katastrophenvorsorge werden kaum gestreift. Die Frage, wie Gesellschaften mit den Risiken umgehen könnten, bleibt ausgeklammert. Zudem wird der menschengemachte Klimawandel als unhinterfragter Fakt präsentiert; dass es in der öffentlichen Debatte durchaus wissenschaftsferne Gegenpositionen gibt, wird nicht eingeordnet. Die zitierten Expert:innen sind ausschließlich Männer und an westlichen Institutionen tätig, was die Perspektive auf ein naturwissenschaftlich-technisches Verständnis von Vulkanismus verengt. Thor Hansden sagt mit Blick auf Yellowstone: „Daher ist Yellowstone wieder fällig“ – eine Formulierung, die wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit in Alltagssprache übersetzt, dabei aber die sehr langen geologischen Zeitskalen („ein paar tausend oder zehntausend Jahre hin oder her“) eher verdeckt.

Hörempfehlung: Für Hörer:innen, die verstehen wollen, wie tief der Klimawandel in geologische Prozesse eingreift und warum heutiges Handeln über Jahrtausende wirkt.

Sprecher:innen

  • Renate Ell – Wissenschaftsjournalistin und Autorin der IQ-Podcastfolge
  • Thor Hansden – Vulkanologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
  • Falk Amelung – Professor für Vulkanologie, University of Miami, Florida
  • Pablo Moreno Jäger – Vulkanologe, University of Wisconsin Madison
  • Karsten Gohl – Geophysiker, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven